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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-01-08 · Heft 2 (8.1.1855) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 2 (8.1.1855)
Date
1855-01-08
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 nicht mehr paßt — um einzusehen, daß es reine Taschenspielerei sei, Talmud und Reform zu identinciren. Hegel hat den bedeutsamen Ausspruch gethan: daß Wesen und Form nicht von einander verschieden find, und daß alle jene Unterscheidungen zwischen Wesen und Form oberflächlich und bequemlichkeitshalber gesucht find. Es giebt kein Wesen ohne Form, und keine Form ohne Wesen. Die Form ist die Ausprägung des Wesens, mit dem Wesen geht die Form unter, und mit der Form wird das Wesen zerstört. Das Wesen zu erhalten, wenn man die Form zerschlägt, ist Wahn und Selbsttäuschung; und wenn das Wesen fich umwandelt, wandelt sich auch die Form. Diese Sätze müssen auch auf unserm Gebiete leitend sein, daß wir den Talmudismus mit der hohlen Phrase „Umwandelungen nach den Bedürfnissen der Zeit" nicht verstanden oder gar erschöpft glauben. Der Talmu- Lismus ist ein großartiges Dasein mit eigenem Lebensmittelpunkt und voller geistigen Durchdringung. Ein solches Product ist nicht blos Geschöpf der Zeit, sondern schafft auch seine Zeit; es befriedigt nicht blos Bedürfnisse, sondern weckt und leitet Bedürfnisse. Der Talmudismus ist ein neuer, großer Gedankengang der religiösen Idee, und muß als solcher verstanden und bestimmt werden. Wir haben in der sechsten und zehnten Vorlesung in unserer „Entwickelung der religiösen Zdee" (Daumgärtner 1847) den Ursprung und Inhalt des Talmudismus darzustellen gesucht, und finden die dort ausgesprochenen Gedanken immer noch als die klarsten und bestimmtesten, welche über diesen Gegenstand in neuerer Zeit gegeben worden. Wir folgen hier dem Hauptgedanken, der dort niedergelegt ist, jedoch eine neue Seite desselben entwickelnd. Der Mosaismus ist die Einheit der Lehre und des Lebens, die erhabene Lehre von Gott und dem Menschen hat fich hier zugleich mit dem Ausspruch, welcher die Grenzen des Erreichbaren für den Menschen auf immer feststellt, ihre vollständige Ausprägung im Leben innerhalb des Volkes Israel geschaffen. Es werden sowohl die allgemeinen Sittengesetze aufgestellt als auch deren concrete Durchfiihrung in allen Erscheinungen des Volkslebens. Lehre und Leben befinden fich daher im Mosaismus in vollkommener Harmonie. Es wird die Erkenntniß und die Liebe gelehrt, und es wird die Heiligung und die Liebe geboten, und die Lehre ist um des Lebens willen, und das Leben um der Lehre willen. Das israelitische Volk hing aber noch wenig am Mofaismus fest. Ein Jahrtausend dauerte der Kampf in seinem Schoße. Es verrieth jenen immer wieder an das Heidenthum, und da es die Lehre nicht begriff, so war selbst das, was Mosaisches es im Leben aussuhrte, innerlich heidnisch. Die Propheten traten daher vor Allem im Dienste der Lehre auf, und so weit fich diese in den allgemeinen Sittengesetzen abspiegelt. Ja, sie griffen sogar den Opfercultus an, weil das Volk ihn durch bloße Formheiligkeit heidnisch machte. Der Bruch zwischen Lehre und Leben war einmal da, und der Prophetismus, um zunächst die Lehre zu retten, griff diese aus dem Mosaismus heraus und durcharbeitere sie. Er erfocht, unter der Einwirkung der göttlichen Vorsehung innerhalb der Geschicke des Volkes, den glänzendsten Sieg, und nach der Rückkehr Juda's nach Palästina war im großen Ganzen das Heidenthum aus der Lehre Jsracl's geschwunden. Der Prophetismus ist also nichts anderes, als die Durcharbeitung der Lehre. Er vollbringt dies nach allen Richtungen und durch alle Mittel, verkündend, erweisend, mahnend und verspottend. Eine Durcharbeitung der Lehre allein ist aber nie möglich ohne deren Verallgemeinerung, und was im Mosaismus für das Volk Israel allein bestimmt war, das trägt der Prophetismus auf die gesammte Menschheit vermittels Jsracl's über. Je weniger aber es dem Mosaismus auf die Lehre allein ankam, je nothwendiger überhaupt auf den Sieg der Lehre das Bedürfnis, das Leben zu durchdringen, folgt, desto weniger konnte auch das Judenthum bei den Resultaten des Propherismus stehen bleiben. Es eröffnet fich daher die dritte Phase des Judenthums: der Talmud ismus. Nachdem durch den Prophetismus der Lehre im Volke Israel der Sieg gewonnen war, nachdem die Erkenntniß und Anbetung des einig - einzigen Gottes, des Schöpfers der Welt, der den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen zur Heiligung und das Volk Israel durch die Offenbarung der religiösen Idee erwählet hat, Herz und Geist des ganzen Volkes durchdrungen und überwunden hatte, da kam es darauf an, auch das ganze Leben in allen Richtungen und Momenten zu durchtränken und zu gestalten. Der Talmudismus ist nichts anderes, als die Durcharbeitung desLebens in allen Consequenzen. Der Mosaismus hat bei der Ausprägung der religiösen Idee im Leben nur das Volk Israel als Volk im Auge. Wenn er die allgemeinen Sittcngesetze für das Individuum aufgestellt hat, so bekümmert er fich um das letztere nicht mehr als in seinen Beziehungen zum Volke Israel. Er läßt das Individuum frei, : mit Ausnahme aller seiner Verhältnisse als Glied des

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