Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1855)
- Date
- 1855-01-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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19. Jahrgang. JW 2 Allgemeine Zeitung des Iudcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon in Magdeburg. Leipzig, den 8. Januar 1855. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Montags, und wird jährlich 78 Bogen in Quart incl. des Titels, Registers, n. sw. um» fasse». In Gemäßheit des Zwecke», derselbe» die allgemeinste Verbreitung zu geben, ist der Preis äußerst niedrig: mit 3 Thlr. für deu Jahrgang; — 1 Thlr. 15 Rgr. (1 Thlr. 12 gGr.) für sechs Monate — 22 Vr Rgr. (18 gGr.j für da» Dierteljabr angesetzt worden. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitung»»Expeditionen nehmen Bestellungen au; der HauptspeditioU für beide Letzter« hat sich die königl. sächs. Zeitungs»Expedition allhier «uterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Der rechte Begriff des Talmudismus. — Der Wiedereintritt der Juden in Spanien. — Das jüdische Schulwesen in Preußen. . Zeitungsnachrichten: Palästina: Jerusalem. Deutschland: Magdeburg, Hamburg,Dresden,Worms. Oesterreichischer Kaiserstaat: Wien. DieSchweiz: aus dem Aargau. Donaufürstenthümer: aus der Moldau. Literarische Nachrichten: Hannover. Leitende Artikel. Magdeburg, 28. Decembir. Der rechte Begriff des Talurudisruus. Es giebt kein Schriftwerk, welches einerseits mehr vergöttert, andererseits mehr verlästert, einerseits mehr studirt, andererseits weniger gekannt worden, als der Talmud. Beide Behandlungsarten haben nicht dazu beigetragen, das rechte Verständniß des Talmuds zu befördern, und doch ist dieses gemeinsame Monument so vieler Jahrhunderte und Geister von so entschieden bestimmtem Charakter und einheitlicher Richtung, so übereinstimmend in seinem Ziel und seiner Methode, daß es eben nur die Schuld der beiden entgegengesetzten Standpunkte ist, daß der Talmudismus noch lange nicht zu Begriff und Anschauung geworden. Ein neuerer jüdischer Theolog hat gesagt: daS Wesen des Talmuds sei nichts anderes als Reform, Umwandlungen des Vorhandenen nach den Bedürfnissen der Zeit. Man hat von diesem Ausspruch viel Lärmens gemacht, weil dadurch die Bestrebungen der jetzigen Reform unter den Schutz des Talmuds gestellt worden. Es ist dies nichts als ein Parteiwort, darum einseitig, und darum falsch. Das Wesen der Reform, wie schon das Wort lehrt, ist Aufhebung bestehender Formen, weil fie dem Geiste der Zeit nicht mehr entsprechen, ihm hinderlich und zuwider find. Es ist sogar dabei sehr fraglich, ob es in der Natur einer Reform liege, neue Formen zu erfinden, um fie an die St'-ll-' der alten zu setzen, oder ob fie nicht vielmehr darin bestehe, aus den alten Formen einige, welche fie erträglich findet, answählend Leizubehalten und aufzuputzen. Wenigstens hat dies die Erfahrung bei der christlichen Reformation wie bei der jüdischen Reform erwiesen. Das wirklich neue Schaffen pflegt nicht als Reform auftutreten, sondern neben dem Bestehenden als ein anderes Produciren des Lebens, wie die Psalmenmufik David's neben dem Opfercultus, wie die Synagoge neben dem Tempel. Der TalmudiSmus steht deshalb der Reform schnurstracks gegenüber, und heben wir nur die beiden Momente im Talmudismus hervor, daß er einenrheils einen „Zaun um das Gesetz" (tt-nnb 2-2) zu ziehen strebt, andcrntheils alle Theile des Gesetzes auch nach der Zerstörung des Tempels und der Verbannung aus dem heiligen Lande wenigstens schriftlich zu erhalten, sowie das Jrgendmögliche noch ausführen zu lassen sucht, selbst wo es zu den Verhältnissen