Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225933--14322-3299944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 sind seit Jahren mehrere Meister hier in Wien, und nichts desto weniger liegt daS Geld sammt den Interessen unbenutzt und häuft sich von Jahr zu Jahr fruchtlos an. — Die Ursache liegt darin, weil in dem Stiftbriefe, der von einem damaligen Vorsteher des Handwerkervereins zum Theil verfaßt wurde, die Claufel vorkommt: eS müsse ein solcher Meister in Wien gebürtig und Zögling des Vereins sein, und ein solcher Fall ist bis jetzt nicht vorgekommen und dürfte selten eintreffen. Und doch ist eS Schade, daß das Geld unbenutzt bleibe. — Wie ich höre, soll daS Judengesetz bald erscheinen. So viel ist gewiß, daß die Judenangelegenheiten bei der hiesigen Statthalterei in einer Hand jetzt find. — Gestern fand daS Chanukafest in der Kinderbewahranstalt statt, und morgen geben die Vorsteherinnen des Kreuzervereins ihren Schützlingen ein Fest und beschenken sie mit Kleidern u. s. w. Es sind Heuer über 130 Kinder. Die Frauen-Vorsteherinnen sind über alles Lob erhaben; aber ich kann mich doch nicht enthalten, zu sagen: viele Frauen waren bieder und wacker; sie mehr, denn alle. Wesiprim in Ungarn, 15. December. (Privatmitth.) Es war noch vor Jahren erfreulich, zu sehen, wie die Fluth der neuen Ideen den sterilen Boden unseres geistigen Lebens befeuchtete. So wie überall, war eS auch hier rege geworden. Man schaarte sich um die bisher unbeachteten Freunde der Wahrheit. Es war erfreulich, zu sehen, mit welchem Eifer man von Besserung zu Besserung schritt. Das alte BethauS wurde in einen CultuS-Tempel, die alte Schule in eine zeitgemäße, von gebildeten Lehrern besetzte verwandelt, und an die Spitze der Gemeinde stellte man liberale Männer, um daS neue Princip in allen seinen Consequenzen durchzuführen. ES war eine heilige Aufgabe, edler, erleuchteter Menschen würdig! Aber wie ist diese Aufgabe unserer Gemeinde gelöst worden? Ich weise auf die jüngste Wahl eines Rabbiner-Stellvertreters hin, wo der gebildete und verehrungswerthe Rabbine in Nogy Wasan in der Wahl unterlag; ich weise auf den Verwaisten Tempel hin, wo die alten Sänger wieder ihr Unwesen treiben und jede Andachl verscheucht ist; ich weise auf die vernachlässigte Schule hin, deren Lehrer aus Mangel einer wissenschaftlich gebildeten Direction ihre Pflichten ohne Enthusiasmus um Brod verkaufen. Wo aber liegt die Ursache dieses Rückfalles, wo ist die Dampfkraft, welche die Locomotive des Zeitgeistes nach rückwärts treibt? Ist eS der heilige Schatten einer alten Ordnung der Dinge? ist es das reuige Wiedercrwachen alter Gewohnheiten, wodurch unsere Gemeinde die neue Bahn verließ, oder fehlt es unserer Gemeinde an intelligenten Männern? Nichts von Allem! Die Gleichgültigkeit und der Egoismus sind die Hauptreagenzien. Keine erhabene Idee, kein menschenfreundlicher Impuls treibt die Leiter der Gemeinde aus dem materiellen Kreise ihres alltäglichen Lebens hinaus, und sie lassen eS der kommenden Generation frei, ihnen anstatt der Unsterblichkeit ein dumpfes Grab der Vergangenheit zu bereiten. Gute Nacht, Licht, auf Wiedersehen nach einem Jahrhundert! S. Fuchs. Holland. Aus dem Haag, am 11. September. Die Arch. isr. de Fr. lassen sich Folgendes schreiben: In einem meiner letzten Briefe theilte ich Ihnen mit, daß die Gesellschaft für das allgemeine Wohl (tot nut vsnt't Algemeen) bestimmt hat, daß von jetzt ab die Israeliten Mitglieder dieser Gesellschaft werden können. Hiermit war jedoch nur das Princip begründet. Jedem Departement stand es frei, Israeliten zu wählen oder sie nicht zu wählen, nur daß das Gesetz eS nicht mehr verbietet. In diesem Augenblick nun hat daS Departement des Haag in dieser Beziehung einen Entschluß gefaßt. Die Direction hatte, was die Aufnahme der Israeliten betrifft, sehr erschwerende Bedingungen gestellt. Der erste Artikel der Verordnung sagt, daß jeder Bekenner der christlichen Religion durch die Direction als Mitglied angenommen werden könne. Im Fall die Direction eS verweigert, so kann an die Gesellschaft appellirt werden. Die Direction machte jetzt den Vorschlag, daß diejenigen, welche der christlichen Religion nicht angehören, auch als Mitglieder ausgenommen werden, aber mit sehr erschwerenden Bedingungen. Sie schlug Folgendes vor: 1) Das Gesuch muß schriftlich an die Direction gerichtet werden; derjenige, welcher Mitglied werden will, muß das Gesuch selbst unterschreiben. Er muß zu gleicher Zeit schriftlich erklären, daß er an dem Theil nehmen will, was die Gesellschaft zu thun Willens ist, das allgemeine Wohl zu befördern durch Auf-