Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 sei? Geld erwerben müssen alle Menschen, so lange der Bäcker sein Brod, und der Schuhmacher seine Stiefeln nicht ohne Drod gicbt. Wohl aber kommt es darauf an, ob das Geld erworben wird durch Mühen und Arbeiten und Sinnen und Streben, oder etwa durch Pfründe, Sinekuren, Würden und andere müßige Weise, woran freilich die Juden keinen Antheil haben. Was endlich die Verachtung betrifft, so ist diese etwas ganz Veraltetes, und fällt viel weniger zu Schanden der Juden, die verachtet werden, als derer aus, welche sie verachten. Die Welt weiß jetzt, daß es unter den Juden gute und böse, ehrliche und unehrliche, fleißige und faule, geschickte und ungeschickte gicbt, wie unter allem Volke; die Welt weiß jetzt, daß wir eben so bildungsfähig und gebildet find, wie alle Nation; die Verachtung der Juden ist nur ein verächtliches Vorurtheil, denn wir glauben sogar sehr achtungswcrth zu sein wegen der Treue und Festigkeit, mit der wir an dem fcsthalten, was wir als wahr erkennen. Wenn der Herr Freiherr also durch Europa und den Orient gewandert ist, ohne dieses Vorurtheil loszuwerdcn, so können wir ihm, ohne ungerecht zu sein, diese Verachtung redlich zurückgeben. Zeitungsnachrichten. Palästina. Jerusalem, 28. November. (Privatmitth.) Ich bin im Besitze Ihres Geehrten vom 3. October, und will nun die von Ihnen gestellten drei Fragen beantworten. 1) „Können Maulbeer- oder Seidenbäume in der Umgegend von Jerusalem fortkommen?" Sie können es, und eS giebt deren viele Tausende; aber da wir sieben Monate im Jahre hier ganz ohne Regen sind, so kommen sie folglich in Jaffa viel besser fort, und liefern daS dreifache Quantum von Blättern als Nahrung für die Seidenwürmer, weil dort die Bäume mit beständig fließendem Wasser versehen sind; alle günstigen Localitäten um Jerusalem sind von den griechischen, lateinischen und protestantischen Christen aufgekauft, und haben nun den dreifachen Werth dessen, waS diese zuerst bezahlten. 2) „Können die Armen in Jerusalem vom Seidenbau ihren Lebensunterhalt gewinnen?" Wenn sie Land, Arbeitsamkeit und Talent besitzen, so können die Armen, wenn noch Ausdauer und Sparsamkeit zu jenen Eigenschaften hinzukommen, nicht nur ihren Lebensunterhalt gewinnen, sondern es noch weiter bringen, da, wie ich glaube, eS allgemein zugestanden wird, daß daS Seidengeschäft ein sehr profitables ist. 3) „Wie viel ist erforderlich, das oben erwähnte Geschäft anzufangen und fortzuführen?" Die Antwort auf diese Frage muß, wie Sie wissen, von der Ausdehnung abhängen, in welcher die Sache betrieben werden soll, d. h. ein kleines Eabliffement würde einer kleineren Summe bedürfen, als ein größeres; etwa von 300 bis 500 Pfd. Sterling. An Maschinerien würden erforderlich sein: Winden zum Abwickeln der Cocons auf die Spindeln; ferner eine hinlängliche Anzahl von Wedestühlen, um die Seide zu den gangbarsten Artikeln zu verweben; außerdem ein hinlänglich großes Gebäude zum Ausbrüren der Seidenwurmeier, zum Füttern der Würmer und zum Aufbewahren der CoconS. Ich würde zu diesem Zwecke lange mit Matten bedeckte Gebäude Vorschlägen, weil erstens die Würmer in solchen in diesem Klima viel besser fortkommen, als eS in einem dichten, kalten, steinernen Gebäude der Fall fein würde, und weil zweitens die Unkosten zehnmal geringer sein würden. Der Arbeitslohn hier ist äußerst gering, da man Leute für 4 Piaster (7 Sgr.) per Tag haben kann, während sie sich selbst beköstigen; Arbeiterinnen find für die Hälfte dieses Lohnes zu haben, und in der That würde es diese ganze Summe kosten (bei den gegenwärtigen Preisen der Lebensmittel und Kleidungsstücke), wenn wir irgend eine Anzahl armer Juden von Jerusalem zu dem Geschäft verwenden. Das Seidengeschäft wird jetzt in Jaffa, Sidon, Beyront, Smyrna und, wie ich höre, noch an vielen andern Orten mit großem Vortheil betrieben, und daS Rohmaterial sowie verschiedene fabricirte Artikel nach Frankreich und auch andern Gegenden auSgeführt. Ich habe ungefähr 14 Morgen guten Landes gepachtet mit 2500 bis 3000 Maulbeerbäumen, die jetzt mit tragenden Blättern prangen. DaS Land ist gut bewässert, Stunde (1*/2 Meilen) von Jaffa, und die Pacht beginnt mit dem Juni nächsten Jahres auf 1 Jahr. Ich hatte zwei Jahre hindurch in London und hier so viel Worte gehört, ohne daß etwas gethan wurde, daß es mir zum Ekel ward, und so beschloß ich denn, nach Ab-