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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-01-01 · Heft 1 (1.1.1855) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 1 (1.1.1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 bei, daß selbst der sogenannte „Trop" ganz erstaunlich mit den Cantilenen übercinstimmt, mit welchen noch heute der Araber und Perser seine Prosa nicht sowohl declamirt als abfingt. Wenn also Jemand nicht hartnäckig bei dem Glauben verharrt, daß alle Synagogenmelodien von Sinai herrühren, so können wir auch nicht dem gesammten Sangesschatz der Synagoge sorgfältige Ursprünglichkeit zuschreiben. Allein dessen bedarf es auch nicht. Wir können es jeden Tag beobachten, wie irgend eine Melodie einer Oper auf die Gaffe hinuntersteigt und zum Volksliede wird; aber dies nicht ohne Veränderung selbst deS Charakters im Munde des VolkeS; zuletzt ist der Ursprung vergessen und daS Lied geblieben. Eben so oft aber sättigt sich der Componist an der Brust des Volksliedes, und wenn er auch nicht ein bestimmtes Lied dem Volke entlehnt, so verdankt er diesem doch Stoff und Färbung. Wir kommen nun zur Schlußfolgerung. Der Synagogengesang ist uralt und reicht mit seinen Wurzeln in die Musik des Tempels und in die orientalische Sprech- und Sangweise überhaupt hinein. Das Declamiren („Schreien der Etymologie nach") rührt von Griechen und Römern her. Alles, wag in der Synagoge von ihrem Ursprünge an vorging, ward gesungen, es bildete sich daher in der Synagoge eine national-religiöse Musik aus, die aber nach der weitern Zerstreuung der Juden im Laufe der Jahrhunderte in den verschiedenen Ländern eine verschiedene Richtung einschlug, auch Volksmelodien dieser Länder in sich aufnahm. Alles aber eigenthümlich verarbeitete. Aus diesem großen Schatze, von dem in den Münchener, Wiener, Hamburger und Pariser Sammlungen von Synagogengesängen eine Anzahl Edelsteine, aber nur auS der deutschen und portugiesischen Synagoge herbeigebracht sind, während der jüdisch-polnische ungleich reichhaltigere noch gänzlich ungrhoben ist, hat Meyerbcer einige Kostbarkeiten mit glücklicher Hand entnommen, mehr aber noch Stoff und Färbung ihnen entliehen, um sie der überraschten Welt in strahlendem Glanze vorzulegen. Jüngst kam mir ein ziemlich bändereiches Werk in die Hände: „Der Orient und Europa, Erinnerungen und Reisebilder von Eduard, Freiherrn v. Callot." Der fünfte Theil behandelt Syrien und Palästina und ein einleitendes Gedicht, das natürlich einen Blick auf uns Juden wirst, endigt mir dem Verse: Als Fremdlinge irren sie hin durch die Welt Und wandern von Zone zu Zonen; Sie leihen und schachern, erringen sich Geld, Verachtet von allen Nationen. Das ist nun so ein Lieblingsgedanke der Deutschen, und sie können sich die Juden nicht vorstellen ohne wandern, schachern und verachten. Sehen wir uns dies einmal etwas näher an. Zuerst wandern. Seit Jahrhunderten wandern und irren die Juden nicht mehr. Sie »änderten und irrten überhaupt nicht, wenn man sie nicht getrieben. Das Vcrhältniß der Juden bei der Auswanderung ist ein viel geringeres, und das Band zwischen den Ausgewanderten und ihrem Vaterlande ist ein viel stärkeres, als bei Andern. Die Juden geben deutsche Sprache und deutsche Sitte lange nicht so schnell auf, wie die andern Deutschen. Und von weur ist Amerika und Australien zuerst bevölkert worden? Gewiß nicht von den Juden. Nein, der gute Deutsche kann sich trösten: wir wandern und irren längst nicht mehr, sondern haben unsere festen Wohnplätze da, wo die Gräber unserer Väter und die Wiegen unserer Kinder stehen, ja mit größerer Anhänglichkeit als irgend wer. Zweitens schachern oder besser: „sie leihen und schachern, erringen sich Geld." Hierbei fällt uns Zwiefaches auf, zuerst, daß der gute Deutsche sich gar nicht davon trennen kann, allen Handel zu verachten, und ihn schachern zu benennen, und zweitens, will mir der Herr Freiherr nicht sagen, welches Volk jetzt nicht handele, also schachere?... Nimmt Herr von Callot das Wort schachern in der gewöhnlichen Bedeutung, so hat er zwei Böcke geschossen, der erste, weil jetzt nur noch der geringste Theil der Juden schachert, sondern die ungeheure Mehrzahl ihre feststehenden Geschäfte von den größten Fabrik- und Handelsetablissements bis zum kleinen Gewürzkram hinunter haben, und der zweite, weil in der großen Christenheit, in London, Paris bis Neapel und Madrid es ungleich mehr christliche als jüdische Schacherer giebt. Nimmt er aber das Wort für Handel überhaupt, so wollen wir es uns Juden mit allen großen Handelsnationen der alten und neuen Zeit bis zum weltgebietenden Albion gefallen laffen, dem edeln Freiherrn aber es überlassen, etwa das Raubritterhandwerk seiner Vorfahren für ehrenvoller zu halten. Macht er es aber gar den Juden zum Vorwurf, sich Geld erwerben zu wollen, so fasse sich der edle Fürst in die Brust und ftage sich, ob er selbst nicht dann auch ein ganzer Jude

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