Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 blicke ich nun diese Geschichte, so lehrt sie mich, daß von Abraham ab, mehr aber noch von den Verkündigungen durch Moses her unveränderliche Lehren und Principien über Gott, Welt und Mensch, über Sittlichkeit und Heiligung durch alle Jahrhunderte deS Judenthums gehen, und in allen Phasen und Umwälzungen des inneren und äußeren Geschickes meines Stammes klar und unzweideutig erscheinen; ja, ich sehe auch, daß selbst in der Ausprägung dieser Lehren und Principien eine sich gleichbleibende, charakterische Richtung durch alle Zeiten hindurch sich darlegt. Zugleich aber drängt es sich unwiderleglich mir auf, daß in den verschiedenen Epochen sich nicht allein sehr verschiedenartige Begriffe um diese ewigen Lehren und Principien legten, sondern daß die concrete Gestalt, die reale Erscheinung dieses Judenthums in einer immerwährenden Entwickelung begriffen war. Das lehrt uns schon der Pentateuch, denn die Sitten der Patriarchen erscheinen in wesentlichen Punkten anders wie das Gesetz Mosche's, innerhalb des Lctztern sehen wir bereits Umänderungen vornehmen, wie statt der Erstgeborenen die Leviten und Cohanim treten, dann über das Schlachten der Thiere im ganzen Lande, die Abtretung des Landes am linken Jordansufer an die 2 lh Stämme; dies sehen wir aus der Zeit der Richter und Könige bis Schelomoh im Bezug auf die Opferstätten, während dergleichen nur eine stattfinden sollte; aus den Einrichtungen, welche David und Schelomoh über die Leviten trafen; aus der Einführung der Psalmen und der Musik in den Tempelcultus durch David; wir sehen es aus dem nicht zu verkennenden Verhältniß der Propheten zum Gesetze, aus den Gesetzesveränderungen, welche Jecheskel in der Verbannung niederschrieb; aus den tiefgreifenden Veränderungen und Anordnungen Esra's und Nehemia's, aus der Einrichtung von Synagogen neben dem zweiten Tempel; aus den feststehenden Gebctformularen, die schon neben dem Opfercultus entstanden, und dann durch ein ganzes Jahrtausend hindurch sich veränderten und vermehrten; aus der erst später entsprungenen, früher gar nicht beabsichtigten Verpflichtung zu diesen Gebeten; aus dem insbesondere seit der Maccabäerzeit und dann ftinfzehn Jahrhunderte hindurch sich immerfort weiter und umfaffcndcr sich ausspinnenden talmudisch-rabbinischen Gesetzesapparat, innerhalb dessen jedoch sich erst sehr allmälig eine Festigkeit der gültigen Normen mit Verdrängung sehr verschiedener anderer gestaltete, und der bei alle dem doch nicht so fest ward, daß nicht sehr verschiedene große Ritus und eine außerordentliche Mannichfaltigkeit kleiner Minhagien entstanden — alle diese Momente, und ich könnte sie mit noch sehr wichtigen vermehren, müssen mich überzeugen, daß das Judenthum in seinem Schoße stets eine große Entwickelung getragen und hinwiederum, daß es selbst von dieser Enttvickelung getragen worden, ohne welche es demnach gar nicht denkbar ist, ohne welche es nicht hätte eristiren können. Diese Erkenntniß lehrt mich nun, daß das orthodore Judenthum, so verstanden, wie ich es oben gezeichnet, eine Fiction ist, und daß das Reformjudenthum nicht minder eine Fiction ist. Das Wesen des Judenthums wird immer sein: seine ewigen Lehren und Principien in der geschichtlichen Entwickelung zu erhalten und auszuprägen. Die geschichtliche Entwickelung ist aber eben so wenig der Stillstand jener Orthodorie, wie die willkürliche Zertrümmerung seitens des Reformjudenthums. Die geschichtliche Entwickelung besteht in der Fcsthaltung aller geschichtlichen und concreten Momente, so lange sie lebendig find und in ihnen Lehre und Princip zur Erscheinung kommt, in der Einwirkung des Lebens und der sich entwickelnden höhern Geistesanschauung auf das geschichtliche und concrete Material. Diese Entwickelung geht daher nicht vom Einzelnen aus und im Einzelnen vor sich, sondern von und in der Gesammtheit, trotz den ertremen Parteien, welche namentlich in den Uebergangsperioden, d. h. in Zeiten, wo die Entwickelung schneller pulfirt, am schärfsten hervortreten. Solcher ertremen Parteien hat es daher auch im Judenthume sehr häufig gegeben, Mosch eh sah sie im Korach, Schemuel im Schaul, die Propheten in den Königen un^Fürsten sich gegenüber; die Pharisäer und SadducäeWMe Schulen Hilel's und Schamai's, die Rabbanitcn und Karäer, Maimonides und die französischen Rabbinen, die Kabbalisten und Rabbaniten, die Chasfidäer und Talmudisten bieten eben so große Gegensätze innerhalb des Judenthums, wie wir sie jetzt besitzen. Niemals war aber das Judenthum von diesen Gegensätzen absorbirt, das geschichtliche Judenthum ist über sie hinweggeschritten, und diesem geschichtlichen Judenthume gehöre ich mit meiner ganzen Seele an. Ich weiß, daß das, was ich von religiöser Erkenntniß und Ucberzeugung habe, ich nur von diesem habe, die höchste Ehrfurcht vor dem religiösen Leben in diesem beseelt mich, aber gerade um so mehr, je weniger ich es alS eine Fessel für die Entwickelung des geistigen LebenS erkenne, sondern es in seinem beständigen Fortschreiten, in seinem steten Schaffen, in seiner sich immer verjüngenden Energie bewundere und verehre.