Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 74 (21.6.1838)
- Date
- 1838-06-21
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224931--01102-3299920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
298 les Unheil von ihm abwenden und unser Tarnovol, wo ein hochbegeisterter Mann schon so viel Großes und Edles gewirkt, steht jetzt um so sichrer einer schönen, lichtvollen Zukunft entgegen. Theologie. Liturgische Analecten, von Di-. B. Beer. Zn der jetzigen Zeit, wo die jüdische Liturgie so häufig Gegenstand mannigfacher Besprechungen und Verhandlungen ist, wo die Einen nicht ermüden das im Laufe von Jahrtausenden angehäufte reiche Material der gottesdienstlichen Cermonien und Formeln bis auf den Grund zu durchwühlen, während die Andern es verschmähen, selbst das unscheinbarste Staubkörnchen, das jenem ehrwürdigen Bau anklebt, anzurasten, jetzt dürfte es nicht unangemessen sein, zuweilen in diesem vielgelesenen Blatte an den Tag zu fördern und dem größeren Publikum vor Au. gen zu stellen, was fromme Männer früherer Zeiten über das Synagogen-Rituale dachten. Das Vorurtheil Mancher, als gehöre unabänderliche Starrheit zu den wesentlichen Merkmalen des israelitischen Gottesdienstes, wird durch solche Mittheilungen am sichersten schwinden. Der israelitische Gottesdienst durchlief bekanntlich 6 Hauptperioden, bis er zu seinem gegenwärtigen Zustand gelangte. 1) Die biblische, 2) die vom Schluffe des alttestamentlkchen Kanons bis nach Zerstörung des 2. Tempels; 3) die von da bis nach Abfassung der babylonischen Gemara, 4) die geonaische, 5) die peitanische, und 6) die Periode vom 14. und 15. Jahrhundert bis auf unsere Zeit. — In den letzten drei Jahrhunderten war es nicht eigentlich blos Stangation als vielmehr die Ueberfüllung mit kabbalistischen Formeln, Gebräuchen und ähnlichen unangemessenen Zuthaten, die weder mit dem wahren Geiste der israelitischen Religion in Einklang standen, noch zur Beförderung der Anoacl)t und Herzenserhebung etwas beizutragen vermochten, wodurch das Besuchen der Synagogen so häufig verleidet und die Klagen über Unzweckmäßigkeit, ja über Unnatur des ifraelirischen Gottesdienstes veranlaßt wurden. — Auf Reinigung des Cultus von jenen angehausten Schlakken, auf Abschaffung so vieler zweckloser und ermüdender Wiederholungen wird daher jeder gewissenhafte Religionslehrer oder Vorstand zuvörderst den Blick richten, ehe er in der Umbildung mit allfeitigem Erfolg weiter schreitet. Erfreulich muß es dennoch erscheinen, schon aus dem vorigen Jahrhunderte die Stimme eines der frömmsten und gefeiertesten Rabbinen, — der selbst als Kabbalist im größten Ansehen stand — in dieser Beziehung zu vernehmen; die Stimme eines Rabbi, welcher schon damals dergleichen Auswüchse zu tilgen suchte und in seinem Kreise dahin strebte, die Liturgie auf zweckmäßigere Weise zu gestalten. Viele werden allerdings erstaunen, daß Litthauen — Witlna, Sitz der krassesten Orthodoxie, der Schauplatz ist, wo bereits vor 40—50 Jahren ein ehrwürdiger und frommer Oberrabbine — gewissermaßen ohne dafür zu gelten — als Cultus-Reformaror (von seinem Standpunkte aus betrachtet) auftrat. Es ist nehmtich der berühmte Rabbi Elias Willna (auch bekannt durch mehre vorzügliche rabbinische, exegetische und kabbalistische Schriften, noch mehr aber durch seinen ausgezeichnet frommen und heiligen Wandel), dessen von ihm in seiner Synagoge eingeführte Liturgie, nebst noch mehren anderen Ritualaussprüchen, theologischen Ansichten und Gebräuchen desselben in einem zu Willna und Grodno im Jahre 1832 von einigen seiner Schüler edirten hebräischen Werkchen, betitelt m TTvyyp vor uns liegt und woraus wir das, was den geehrten Lesern einigermaßen von Interesse sein könnte und in gar zu vielen Gemeinden noch mißbräuchlich bestehet, in freier Uebersetzung hier mittheilen wollen. — Wer die Vorurtheile der orthodoxen Juden damaliger Zeit kennt, wie selbige auch an der geringsten Kleinigkeit festhielten und sich das Unbedeutendste in ihrer Liturgie nicht nehmen ließen, der wird in diesen Anfan. gen einer neuen Synagogen-Agende manchen beherzigenswerthen Wink auch für die Gegenwart finden. I. Vom täglichen Gottesdienste. §. 26. Der öffentliche Gottesdienst beginne mit *")VQ weder vor noch nach dem Morgengebete ist außer des täglichen Psalms (EV* irgend ein Psalm oder Bibelvcrs zu recitiren. §. 30. Das Lied vom rochen Meere schließt mit dem Vers: '121 "^8*7 'D VTl Die Worte: „Und in Deiner Lehre heißt es „„Höre Israel rc."" werden nicht hinzugefügt. §. 31. Die 13 Lobsprüche im rfiWTir» sind, nicht (wie der rccipirte Gebrauch will) in einem Athem, sondern vielmehr mit der größten Andacht zu sprechen. §. 39. Beim Recitiren des VOV ergreife man bios die beiden vordem Schaufäden, küsse sie aber nicht! §. 41. Alle Gebete sind Wort auf Wort in Andacht zu verrichten und ist das Verstandniß des Sinnes bei jedem