Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 51 (5.12.1853)
- Date
- 1853-12-05
- Page
- Seite 645 (sequence 3)
- Language
- German
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645 gern Richtung ergeben, bei ihren Versuchen die verschiedenen zum Thcil heterogenen Destandtheile deS Staats in höherer Einheit zu verschmelzen und versöhnend auszugleichen, zuletzt doch noch Selbstständigkeit genug entwickeln wirb, um bei der endlichen Erledigung der Judenfrage alle Kourtoifie gegen die deutsche Theorie von dem christlichen Staate fahren zu lassen, wie fie ja im eigentlichen Dänemark selbst seit 40 Jahren schon der israelitischen! Bevölkerung alle bürgerlichen, und seit 5 Jahren auch alle! politischen Rechte zugestanden hat. j In den gegenwärtigen Entwürfen zu den Separatverfassungen der einzelnen Staarstheile macht fich hinsichtlich der Judenfrage eine Verschiedenheit der Ansichten in den verschiedenen Ministerien geltend. Während im eigentlichen Dänemark noch nichts die Absicht verräth, den Juden ihre wohlerworbenen Rechte zu schmälern oder gar zu entziehen, scheint man in Schleswig ihnen weniger Rechte als in Dänemark, aber mehr noch als in Holstein gewähren zu wollen. Bei den holsteinischen Ständen, die, nebenbei bemerkt, nach dem altkonservativen Wahlgesetz von 1834 zusammengesetzt, den alten Feudalismus und dieselben kleinlichen Gesinnungen des Jahres 1840 zur Schau trugen, kam die Frage bei folgender Veranlassung zur Sprache. In dem von der Regierung vorgelegten Verfaflungsentwurfe ist den Juden die Wählbarkeit zur Ständeverfammlung nicht bewilligt, ingleichen sollen fie nach dem Entwurf der neuen Städteordnung zu deputirten Bürgern nicht gewählt werden. Verschiedene israelitische Gemeinden reichten deshalb bei den Ständen Vorstellungen ein, in denen sie baten, die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden zu beschließen, Der Vorschlag, solche Vorstellungen an ein besonderes Konnte zu verweisen, fiel durch, und bei der Debatte nahmen die alten Judenfeinde Veranlassung, die alten abgedroschenen Gründe wiederum aufzutischen und mit ihrer Intoleranz förmlich zu prunken. Graf Blome, Justizrath Röttger und Pastor Hasselmann waren die Wortführer, und in einem Lande, dem vor wenig Jahren noch, an freudiger Aufopferung keinem weichend, die Juden bereitwillig Gut und Blut geopfert hatten, entblödete man fich nicht, mit frecher Stirn zu behaupten, daß fie Fremdlinge seien, die in wsjorem vei gloriam zu Nutz und und Frommen der christlichen Bevölkerung in die Abgeschlossenheit einer Pariakaste gebannt bleiben müßten. Den zweiten Berührungspunkt gab der Entwurf zur Städteordnung, bei welchem denn auch die auf die Gleichstellung der Israeliten gerichteten Amendements durchfielen. Beachtungswerrh ist eS, daß dabei die Vertreter Altona'S, der ersten Stadt im Lande, in welcher überhaupt 4/s der israelitischen Bevölkerung Holsteins enthalten. fürdieGleichstellung sprachen, wie denn auch der Advokat Bargum auö Kiel in glänzender Rede die Gegner schlagend widerlegte: allein bei solchen parlamentarischen Kämpfen entscheidet die Stimmenzahl nicht der Werth der Gründe, welche einzelne Wohlwollende bestimmen. Sucht man, abgesehen von der allgemeinen schon angedeuteten Richtung der Gegenwart, nach der besondern Erklärung der doch immer auffallenden Erscheinung, daß dasselbe Holstein, welches, als es vor gerade 5 Jahren zur Feststellung deS Staatsgrundgesetzes auf breitester BafiS eine konstituirende Versammlung errichtete, zu dieser Versammlung einen Juden auch entsandte, schon nach einem halben Jahrzehnt diesem Theile seiner Landeskinder sogar noch die wenigen vormäitzlichen Rechte verkümmern möchte, so darf man eben nur einen Blick auf die Physiognomie der jetzigen Ständeversammlung werfen: der Adel, der mit schweigendem Grimme es gutheißen mußte, daß auch bei der schleswig-holsteinischen Erhebung viele freisinnige Ideen, die in Deutschland fich als Volkswille geltend gemacht hatten, einen fruchtbaren Boden gesunden, möchte gern mittelalterliche Institutionen wieder einführen, und hofft das Volk über seine Erniedrigung zu täuschen, wenn die Juden nur noch tiefer gestellt werden können. Deshalb hat Graf Blome bei Diskutirung deS neuen WehrpsiichrSgesetzes vorgeschlagen, daß die Juden vom Kriegsdienst befreit sein sollen, wiewohl fie vor 10 Jahren schon bei derselben Veranlaffung darum supplizirten: von keiner staatsbürgerlichen Pflicht ausgeschlossen zu werden, weil fie eben alle staatsbürgerlichen Rechte in Anspruch nähmen. Der kleine Bürger und Bauer ist verstimmt, daß er so nutzlos seine Kinder und sein Geld dem Lande geopfert hat, er sieht fich in so vielen uud schönen Erwartungen getäuscht, und sieht, daß er für fich und das Land im Augenblick nichts thun kann. Da ist denn der letzte Funke eines höhern und edlcrn GemeinfinnS für den Augenblick erloschen, und man sucht nur für fich noch zu sorgen. In solcher Sttmmung find die Gemüther für jede schwarze Lüge empfänglich und jeder erzittert in seinem Stande und Gewerbe bei dem Gedanken einer jüdischen Konkurrenz. Also Vorurtheil und Abneigung, Hochmuth und Eigennutz neben der krassesten, rheils absichtlichen theilS unabsichtlichen Unkunde der Verhältnisse: da haben Sie die