Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 50 (5.12.1853)
- Date
- 1853-12-05
- Page
- Seite 634 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225822-3225873--13540-3299868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
634 solche Niederlafsungsbewilligung die Genehmigung der Direktion deS Innern. Die erhaltene Niederlassungsbewilligung in einer Gemeinde berechtigt nicht zur Errichtung eines WaarenlagerS in einer andern. Die Niederlassungsbewilligung kann beliebig zurückgezogen werden. Im Uebrigen gelten für Juden die gleichen Bedingungen bezüglich des Erwerbs der Niederlassung. wie für Christen, und es steht ihnen die Wahl eines Gewerbes frei. — In der eilften Sitzung der holsteinischen Stände am 24. Oktober ist auch eine Petition des Vorstandes der hochdeutschen israelitischen Gemeinde in Altona eingegangen, betreffend die staatsbürgerliche Gleichstellung der Israeliten in Holstein mit den christlichen Unterthanen. Der Abgeordnete Reinke sprach für die Erweiterung der bürgerlichen Rechre der Juden, welche laut §. 56 deS Entwurfs von der Wählbarkeit zum Deputirtenbürger ausgeschlossen find. Wolfenbüttel, 31. Oktober. (Nekrolog.) Am 21. Oktober d. I. erlitt die jüdische Gelehrten- und Lehrerwelt einen herben Verlust durch den Tod deS emerilirten Inspektors der Samson'schen Freischule Hierselbst, S. M. Ehrenberg. Wohl nur wenigen Sterblichen ist eS vergönnt ein langes, tharenreicheS, nützliches und als solches allgemein anerkanntes Leben durch einen raschen, sanften Tod im Schooße einer glücklichen, liebenden Familie zu beschließen. Er war einer von den Wenigen. Am 16. Oktober 1773 in Braunschweig geboren, trat er in seinem 16. Lebensjahre in das unlängst gestiftete Bet-Hamidrasch des Philipp Samson in Wolfenbüttel ein, wo er den Grund zu seiner auSgebreiteten Kenntniß im Talmud und jüdischen Literatur legte.*) Jndeß genügte diese Beschäftigung allein seinem strebsamen Geiste nicht; eS trieb ihn, die Resultate neuerer Forschungen, die Fortschritte der Wissenschaft und Kunst kennen zu lernen, und mit unermüdlichem Eifer erwarb er sich die intellektuellen Mittel, tüchtige Kenntniß der lateinischen und modernen Sprachen, dazu. Dasselbe Ziel verfolgte er auch in Berlin, wohin er sich im Jahre 1794 zum Behufe weitern Talmudstudiums begeben. Ueber die *) Proben seines gewandten, schönen hebräischen Stils finden fick in der Zeitschrift Hvrrnn und dem 1838 in Berlin bei Veit u. Komp, erschienenen praktischen Elemrnrarbuch zur Erlernung der hebräischen Sprache. Wahl eines Berufs konnte er nicht schwankend sein. Sein warmeS Herz, sein reger Geist, seine Ausdauer und Geduld stempelten ihn zum Erzieher der Jugend und er bekleidete Hauslehrerstellen in Brandenburg und Peine und vom Jahre 1797- 1802 in Hannover in der Cohen-Samson'schen Familie, dann lebte er bis 1806 in Braunschweig, besuchte in seinem 30. Jahre noch das dortige Gymnasium, machte darnach Reisen nach Hamburg, Leipzig, Frankfurt a. M. rc. Sters und überall von dem glühenden Streben nach harmonischer Ausbildung erfüllt, beschäftigte er sich neben den linguistischen Studien auch viel mit Zeichnen und Musik. Ein solches Streben, verbunden mit dem aufs Schönste bewährten Talente als Erzieher konnte nicht unbeachtet bleiben. AIS im Jahre 1807 die indeß kombinirten Talmudschulen der sel. Herren Ph. und H. Samson in W. reorganisirt wurden und unter dem Namen „Samson'sche Freischule" den Charakter einer jüdischen deutschen Realschule und Erziehungsanstalt annahmen, wußten die edlen Stifter zur Leitung der Anstalt keinen tüchtigern und würdigern Mann aufzusinden, als ihn. In der That war der seltene Mann hier ganz an seinem Platze. Jetzt hielt er das Ziel im Auge, die Jugend für daS Leben zu erziehen. Die Unterrichtszeit, früher fast ausschließlich dem Talmud gewidmet, wurde nun auch den Kenntnissen und Fertigkeiten, die zum bürgerlichen Leben nothwendig sind, verwandt. Wie arbeitete er raftloS, um den reich angefüllten Stundenplan zu beherrschen, um den Zöglingen den Unterricht fruchtbar und angenehm zu machen! Als echter Schulmann interesstrte er sich lebhaft für Methodik und eS erschien wohl kaum etwas Neues auf diesem Gebiete, das er nicht geprüft und nach Befinden angenommen hätte. Bis in sein spätes Greifenalter wußte er sich diese Beweglichkeit deS Geistes zu erhalten und wahrhaft rührend war eS, wie er noch in neuester Zeit die Methode eines Mayer und Callin sich anzueignen wußte. Nichts konnte ihn von dem ergriffenen LebenSberufe abziehen. Die Aufforderung des seligen Präsidenten Jakobson eine Stelle als Konfistorialrath im westphälischen Konsistorium anzunehmen, wies er bescheiden zurück, da er sich in seinem Wirkungskreise wohl und glücklich fühle. Er wußte ernste Strenge mit väterlicher Liebe und Milde zu vereinigen und seine Zöglinge vermißten in der von ihm geleiteten Anstalt das Elternhaus nicht. Welche Be-