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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-12-05 · Heft 50 (5.12.1853) · p. Seite 632

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 50 (5.12.1853)
Date
1853-12-05
Page
Seite 632 (sequence 2)
Language
German
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632 den Mitgliedern der Gemeinde das Bewußtsein bei, daß eS sich hier doch um etwas mehr handelt alS um bloße Fortsetzung und Uebung eines Gewohnten, daß eS also nicht allein darauf ankommt, wie dieses Gewohnte erhalten werde, und wie viel Thaler Einer zu diesem Zwecke zahlt, sondern daß die Hauptsache ein reges, kräftiges Leben ist, daß es also auch bei Gemeindeämtern nicht ankommen könne, ob der zu Wählende ein reicher Mann sei, sondern ob er wahres Interesse an der heiligen Sache nehme. Dadurch wird fteilich die Wahl oft schwieriger, denn es kommt vor, daß es in einer Gemeinde jetzt viel mehr reiche, als glaubensbegeisterte, und dabei einsichtsvolle Männer giebt, aber desto schöner ist der Erfolg... Damit war aber das Werk nur erst halbseitig gethan. Die jüngeren Rabbinen mußten auch die älteren, der jüngere Rabbinismus den ältern wieder zu Ehren bringen. Schreiber Dieses erinnert sich noch mit Vergnügen, welches Aufsehen es erregte, als er zum ersten Male den Namen Raschi auf der Kanzel aussprach, und eine Erklärung dieses großen Kommentares der Predigt zu Grunde legte; und wie bald kein Vortrag lieber gehört ward, als wenn er einen Midrasch oder einen AuSspruch eineS der Mephorschim zur Hilfe gerufen. Wohl mögen wir es dabei bemerken, daß es viel leichter war und ist, die alt-jüdische Theologie in wissenschaftlicher Bearbeitung den modern-gesinnten Juden wieder ehrbar zu machen, als den alt-gesinnten Juden Achtung vor der wissenschaftlichen Bearbeitung der jüdischen Theologie beizubringen. .Es ist dies auch sehr erklärlich, und liegt auch nichts daran, da ja die jüngere Welt immer mehr Bedeutung hat, weil sie die Zukunft ist. So ist es auch gekommen, daß auch die älteren Rabbinen wieder mehr geachtet werden — was sie fteilich ihren jüngeren Kollegen selten Dank wissen. Indem wir Dieses niederschrieben, bedachten wir wohl, daß wir hiermit den reichen und begüterten Juden ihr Verdienst, mit ihrem Gelde bereitwillig die Gemeindeinstitute, namentlich die wohlthätigen, zu erhalten, nicht schmälern wollen — allein wir wollten hervorheben, und gern hervorheben, daß dies in den Gemeinden jetzt nicht mehr gilt, als es eben werth ist; geschieht es mit Liebe, mit Eifer, mit warnrer Herzenstheilnahme, dann wird es hoch und theuer gehalten; geschieht es nur, weil es schon lange geschehen, weil es geschehen muß, da zum Theil das Ansehen des Hauses, zum Theil die Erekution dahinter steht, nun, so wird es für nichts erachtet, und dem Geber um seines Reichthums willen nicht eine Linie Ehre mehr eingeräumt; wir heben dies besonders hervor, um der Meinung, die hierüber in den außerjüdifchen Kreisen gang und gebe ist, mit Nachdruck entgegenzutreten. Denn das müssen wir einfür allemal hervorheben: daß die reichen Juden für das Judenthum mit Ausnahme für denBestand der Synagoge und der einmal üblichen Wohlthätigkeitsanstalten in der Regel nichts, gar Nichts thllN. Fürwahr, sie find die letzten, die an dem Aufschwung der jüdischen Theologie, die an dem Fortbestände einer jüdischen Literatur, an dem Erscheinen irgend eines, einen etwas größeren Aufwand erfordernden Werkes, an dem Entstehen neuer Hilfsquellen für die unteren Klassen unsrer Glaubensgenossen, an der Entwickelung des jüdischen Schulwesens, an der Gründung von Pflanzstätten für die jüdische Gelehrsamkeit, an der Entschädigung solcher, welche moderne Märtyrer für unsre Religion werden, thätigen Theil nehmen. Daß muß sich Alles o h n e sie machen, und macht sich darum in der That nur sehr mühselig. Im Gegentheil schaden sie dem Judenthum nach innen und außen. Doch nein! — da wir zum Lobe der neueren Rabbinen schrieben, wollen wir nicht den Tadel Anderer zum Relief nehmen. Man widerlege uns, und wir werden nicht anstehen. Alles auszusprechen. Welt, nirnur Deiner wahr! Wir haben in der vorigen Nummer erfahren, daß die „Deutsche Volkshalle" verlangt, die Juden sollen besondere „Kleidung" tragen, sie sollen „Schmuel" und „Jainkef" heißen, sie sollen abgesondert wohnen u. dgl. Liebeszeichen mehr. Die „Deutsche Volkshalle" am Rhein wird ihre theure Bundesgenosfin an der Spree in der „Neuen preußischen Zeitung" haben, und es werden wohl an anderen deutschen Strömen gleich lieblich klingende Stimmen zu finden sein, die „zum Durchbruch" kommen und eine ausnehmende „Gnade" verkünden. Wir sehen, wie einstweilen in Berlin die städtische Armendeputation diskutirt, ob fernerhin Juden städtische Armenärzte werden sollen, und in ^Kassel der erste und letzte jüdische Lehrer entlassen wird, und an der Eider den Juden die Wehrpflicht wieder genommen werden soll. Wer noch mehr Thatsachen fordert, der thue eS — wir haben zur Genüge. Nun eine offenmüthige Frage: ist es wirklich die Religion, welche die „Deutsche Volkshalle" und ihre Genossinnen zu solchen Erpekrorationen drängt?

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