Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 49 (28.11.1853)
- Date
- 1853-11-28
- Page
- Seite 624 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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624 Kreise nicht nur der ihn verehrenden Gemeinde, sondern seiner Mitbürger überhaupt gesehen hat, wird die Schwere deS Verlustes zu würdigen wissen. So kam es auch, daß von nah und fern, aus feinen Glaubensgenossen und anderen Religionsparteien sich zahlreiche Begleiter seinem Leichenzuge anschlossen. Dienstag den 8. d. M. um Ql(z Uhr bewegte sich der Zug vom TrauerhauS in die zur Todtenfeier erleuchtete Synagoge. Als er daselbst angelangt war hielt Herr Tiktin auS Breslau einen aus hebräischen und deutschen Sprüchen zusammengesetzten Bortrag, in welchem er außer mehreren anderen Punkten, auf deren Widerlegung wir auS Mangel an Raum hier nicht eingehen können, auch die Behauptung aussprach, daß der Verstorbene wegen seiner auf Erhaltung deS echten JudenthumS gerichteten Thätigkeit in der Gemeinde auch „Feinde" gehabt habe. Letzteres müssen wir so lange entschieden in Abrede stellen, als Herr Tiktin uns, die wir nicht nur die allgemeine Trauer an seinem Grabe, sondern auch sein Wirken und Leben in und mit seiner Gemeinde und die Liebe und Anhänglichkeit sämmtlicher ihrer Mitglieder an ihn gesehen haben, eines Andern überzeugt. Eine zweite Aeußerung. welche einen Vergleich der Toleranz deS Verstorbenen mit derjenigen der Seelsorger anderer Konfessionen betraf, wollen wir hier nicht erst erwähnen. Dagegen mochte es von der Toleranz Herr TiktinS selbst eben kein besonderer Beweis sein, daß derselbe den Vorstand der Gemeinde, in der er selbst Gast war, veranlaßte, keinen andern außer ihm, auch den höchst wissenschaftlich gebildeten Enkelsohn deS Verstorbenen nicht sprechen zu lassen; ja selbst ein anerkannter beliebter Prediger, der bereits die Erlaubniß deS Vorstandes hatte, mußte zurücktreten um nicht Aufsehen oder Störung zu veranlassen. Wir mußten also auf eine Rede am Grabe des verstorbenen Seelenhirten verzichten, waS um so mehr zu bedauern ist, alS bei der fast l*(z Meilen betragenden Entfernung deS BegräbnißplatzeS von der Stadt zwischen der Trauerrede in der Synagoge und der Beerdigung wohl 3 Stunden vergingen, eine Zeitdauer, welche auf die feierliche, einem solchen Akte angemessene Stimmung sicherlich nicht ohne nachtheiligen Einfluß blieb, und uns um so schmerzlicher berührte, als selbst der Abschied von unserm so geschätzten Gemeindelehrer nicht einmal ganz ungetrübt war, und viele auS der Ferne auf dem Friedhof angelangte Verehrer des Verstorbenen auf diese Art auf jede Feierlichkeit verzichten mußten. Wir mußten unS also schweigend von der Ruhestätte unserS allverehrten Rabbinen trennen. Alles fühlte, daß wir eine ganze Macht der Intelligenz und der durch Erfahrung geprüften Weisheit in ihm begraben. Friede seiner Asche! Ans dem Großherzogthur» Pose«, 8. November. (Privatmitth.) Trotzdem Sie, Herr Redakteur, auf die Gefahr, welche dem Judenthume durch den Mangel emeS geordneten und durchdringenden Religionsunterrichts droht, so oft und so nachdrücklich hingewiesen, trotzdem Sie so oft auf diesen wichtigen Gegenstand zurückkommen und mit Flammenworten nachgewiesen haben, daß die Gründung von Religionsschulen, die bessere Gestaltung deS Unterrichts u. s. f. ein wahres Bedürsniß ist: so bleiben dennoch unsere starren Alten, wie die mvdesüchtigen Neuen in ihrer gewöhnlichen Trägheit und geben nicht das geringste Lebenszeichen von sich. Die Ursache dieser unerfreulichen Erscheinung ist leicht zu finden; keineswegs ist eS aber der JndifferentimuS allein, welcher die Schuld davon trägt, wie der Herr Korrespondent „auS der Provinz Posen" meint. Die Alten verstehen unter Religionsunterricht nichts anders, als „Chumasch und Raschi, Gemara und Schulchan-Aruch lernen"; sonst hat aller Unterricht über Gott, Offenbarung, Unsterblichkeit und Alles, waS das Judenthum lehrt, für sie keinen Werth und darf weiter auf Opfer keinen Anspruch machen. Das einzige Schulbuch ist und bleibt der Schulchan-Aruch, kein anderes kann diesen ersetzen und verdient irgend wie Beachtung. So wenig wie die vielen bisher erschienenen Religionsbücher, welche nur reine Moral enthalten und für alle Konfessionen recht gut passen, die Aufmerksamkeit dieser Frommen auf sich gezogen, eben so wenig haben die wenigen, welche daS echte Gepräge deS JudenthumS an sich tragen und von dem wahren Geist unsrer Religion durchweht find, bei ihnen Anerkennung gefunden. Sie sind in deutscher Sprache abgesaßt und daS genügt, sie für etwas ganz Profanes zu halten. Hätte man diese Frommen nur aufgefordert Chedarim zu gründen, an welche unwissende und korrupte Menschen, die sie RebbeS nennen, angestellt werden sollen, da würden unsere Rabbinen gar nicht genug darschnen und sie als etwa- Heiliges empfehlen, für welches man selbst große