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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-11-28 · Heft 49 (28.11.1853) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 49 (28.11.1853)
Date
1853-11-28
Page
Seite 619 (sequence 5)
Language
German
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619 teS hervorgerufen. Äutj auSgedrückt ist daher das Charakteristikum unsrer Religion: die menschliche Vernunft ist nicht im Stande, die letzten und höchsten Erweise für die Lehrsätze unsrer Religion so zu finden, daß Zweifel und Leugnung unmöglich find, und insofern bafirt auch unsre Religion auf Glauben, also auf Voraussetzungen, die als solche der Erkenntniß zu Grunde liegen müssen: aber unsre Religion lehrt nichts, oder will nichts lehren, was der Vernunft widerspricht, was nicht als Folgerung auS den gegebenen Voraussetzungen auf vernunftgemäße Weise fich ziehen lasse, Glaube und Vernunft befinden sich in ihr in Ueb ereinstimmung. c. Endlich das Herz. Jedermann weiß, daß das menschliche Gehör so organifirt ist, daß die Verbindung gewisser Töne ihm angenehm ist, die Verbindung anderrr Töne es schmerzt. Es ist ein angebornes Gefühl des WohlklangS und Mißklangs. Es ist dies nichts Objektives, denn z. V. der Hund hat ein angeborneS Gefühl gegen alle Mufik, und heult aufs Kläglichste bei der schönsten Symphonie Bccthoven's, während einige Schlangenarten eine besondere Vorliebe für Mufik haben sollen. Dieses angeborne Gefühl für Harmonie kann in den verschiedensten Gradationen entwickelt und ausgcbildet sein bei Völkern und Individuen — vorhanden ist es aber bei allen Menschen. Ebenso verhält es fich mit dem angebornen Gefühl deS RcchtS und Unrechts, des Guten und Dösen, mit dem von Gott dem Menschen eingeschassencn fittlichen Elemente, das aus der Organisation des Mcnschengeistes nicht entfernt werden kann, so schwach oder stark es auch in den verschiedenen Zeiten, Völkern, Menschen entwickelt ist. Nun, es ist von großer Bedeutung, ob die Lehrsätze einer Religion mit den Produkten dieses fittlichen Gefühls übereinstimmcn oder ihnen widersprechen. Es ist z. B. Forderung dieses fittlichen Gefühls, daß das Gute belohnt, das Böse bestraft werden dieses fittliche Gefühl empört fich wider die Bosheit und trägt in fich das stürmische Verlangen, daß dieselbe entlarvt und bestraft werde, und eben so giebt es fich nicht eher zufrieden, als bis die Tugend anerkannt und bevorzugt wird. Jedes System, jede Lehre, die nicht den Satz der Vergeltung — ohne daß jedoch diese eine menschlich-kleinliche sei — enthalten würde, stieße gegen jenes fittliche Gefühl, Herz genannt, an. So ist es ferner diesem fittlichen Gefühle angemessen, daß die Seele des Menschen rein aus der Hand des Schöpfers schuldlos in den Menschen komme, und jede andere Lehre ihm widersprechend. So entspricht ihm die Annahme, daß die dogmatische Ueberzeugung, so wichtig fie auch ist, doch über die Seligkeit deS Menschen nicht entscheidet, sondern vielmehr seine Handlungsweise, so weit diese aus Wahrheit und Aufrichtigkeit entspringt. Und so fort. DaS charakteristische Merkmal unsrer Religion ist nun, das ihre Lehrsätze fich mit diesem eingeschaffnen fittlichen Gefühle, mit dem Herzen in Uebereinstimmung befinden. Sie, die die Heiligung als oberstes Sittengesetz, die Liebe als höchstes Pflichtgebot in die Welt gebracht hat, widerspricht nirgends den klaren und entschiedenen Forderungen deS MenschenherzenS. So also vereinigt unsre Religion in fich Geschichte, Glaube, Vernunft und He^, also den ganzen Menschen, hat fie und bringt fie in völlige Uebereinstimmung, räumt einem Jeden von ihnen Berechtigung und den Platz ein, die ihm gebühren, nicht mehr, nicht weniger. Dies find die drei großen unterscheidenden Merkmale unsrer Religion. Wir konnten fie hier nur skizziren. Wir werden Einzelnes hier und da ausführen, bis eS unS dereinst vergönnt sein wird, daS Ganze als ein vollständiges Gemälde zu schaffen. Die Treue irn Glauben. Jüngst lag uns ein vor Kurzem erschienener, drei Bände starker Roman vor, „zwei Schwestern", der Verfasser war nicht genannt, wahrscheinlich jedoch ist es eine Verfasserin. Um so erklärlicher war es, daß, während die Männer in dem Buche allesammt schlecht wegkommen, und mindestens verzeichnet find, zwei Frauen die Heldinnen spielen, welche die eine stark in der Liebe, die andere stark in der Treue, beide aber sehr unglücklich und als kämpfende, leidende und mit ihrem Leben unterliegende Gestalten durch das verkürzte Dasein gehen. Das Ganze soll ein Bild von den Trübnissen geben, welche durch die schiefe Stellung der „gebildeten" Juden in sozialer Beziehung hervorgebracht werden. Schade, daß das Buch so dickleibig und damit sehr breit auseinandergezerrt ist, so daß man es in der Mitte weglegen muß, man mag wollen oder nicht. Sonst könnte man es wohl zur Lektüre für Eltern empfehlen, daß fie ihre Töchter praktisch und für die Wirkllichkeit erziehen mögen, da nichts so unglücklich macht als die allzufeine, ästhetische Erziehung in Glaceehandschuhen, durch welche die armen Mädchen ftühzeitig in eine romanhafte Welt versetzt werden, auö der fie dann

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