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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-11-28 · Heft 49 (28.11.1853) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 49 (28.11.1853)
Date
1853-11-28
Page
Seite 618 (sequence 4)
Language
German
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618 (freilich nicht erklärbare) Nothwendigkett ausich selbst entstanden, die in allen in der Natur waltenden Kräften und Gesetzen stch darstellt; hingegen der religiöse: Gott hat die Welt geschaffen, und sie besteht durch seinen Willen, indem nach den von ihm dem Daseienden eingesenkten Gesetzen die Wesen in ewigem Wandel deS Individuellen fich erneuen; die Welt ist also ein Produkt der göttlichen Vernunft und Liebe, ein Werk GotteS, aber nickt Gott selbst. Nach der heidnischen Anschauung hat der Mensch nur eine Beziehung zu fich selbst, so daß daS gut ist, was ihm nützt, wobei eS nur darauf ankommt, ob man vom Standpunkt des einzelnen Menschen oder der Menschengesammrheit auSgeht. Nach der religiösen hat Gott dem Menschen einen unsterblichen, gottähnlichen Geist gegeben, mit der besonder« Bestimmung, fich zu entwickeln und zu vervollkommnen, nach größerer Gottähnlichkett anstrebend, und dies bethätigend durch daS Recht und die Liebe, wie fie theilS unmittelbar als Forderungen unserS Wesens von Gott in uns gelegt find, theilS ausgesprochen als göttliches Gebot uns auferlegt find. Hierauf reduziren alle Anfichten der alten und modernen Welt. Beide Auschauungen gehen von gewissen Voraussetzungen auS, die fie nicht entbehren können; beide Anschauungen können durch letzte, höchste, metaphyfische Erweise zweifellos weder begründet, noch vernichtet werden. Die heidnische Anschauung war vorwiegend die des AlterthumS, während die religiöse Anschauung. die israelitische ist, die durch das Christenthum und den Islam die moderne Welt (Mittelalter und neuere Zeit) Lurchdrang. Jodeß hat die heidnische Anschauung noch immer Elemente genug behalten, und ist Lurch die Ausläufe der Philosovhie vorhanden geblieben, ja immer wieder zum Kampfe ausgerüstet. Auf diesem Grunde der religiösen (also der israelitischen) Weltanschauung haben stch aber zahllose Äonfesfionen, Sekten, Schulen, Systeme u. s. f. herauSgebildet, zahllose, die kamen und gingen, zahllose die blieben und fich umgestolteten, die einen hartnäckigen Kampf mit einander führten und führen, ohne daß eine einzige bis jetzt als siegreich bezeichnet werden kann. Wenn eS nun wahr ist. Laß die religiöse (das ist die israelitische) Weltanschauung die heidnische, wenn auch noch nicht gänzlich beseitigt, doch insofern vollständig befiegt hat, alS die ganze bestehende menschliche Gesellschaft fich von ihr hat gestalten lassen, und selbst diejenigen MrnsLen, welche der heidnischen Anschauung theoretisch huldigen, doch im ganzen praktischen Leben die Resultate der religiösen Anschauung annehmen — überschauen wir. waS bei all diesen Konfesfionen, Sekten, Schulen in allen pofiriven Religionen als daS, worin sie Alle übereinst im men, fich herausstellt, so ist eS wesentlich der Lehrinhalt der israelitischen Religion. Was also die bisherige Geschichte der Menschheit, hervorgewachsen auS dem Boden der religiösen Anschauung, hervorgebracht hat, daS stimmt mit dem Lehrinhalt der israelitischen Religion überein. Ziehen wir ab, waS an streitigen Kirchen- und Schulsatzungen fich zwischen fie gelagert, so bleibt gerade daals der eonsensus omnium übrig, waS den Inhalt unsrer Religion auSmacht, und so stimmt mit dieser die ganze Geschichte der Menschheit überein. d. Der Glaube und die Vernunft. ES ist merkwürdig, in welchen Widerspruch man diese beiden vielbedeutenden Thätigkeiten des Geistes gebracht, wie man fie gegenseitig fich ausschließlich gedacht, wie fie fich daher gegenseitig vernichten sollten. ES kommt dies nur von dem Mißbrauch her, den man von Beiden gemacht. Indem man unter Glauben nur die unbedingte Hingebung auch an daS Widerfinnigste und Unvernünftigste, indem man unter Vernunft die Alles zersetzende, Alles auflösende Sophisterei verstand, sprach man gegenseitig das Anathema auS. Der Glaube brach den Stab über die Vernunft, die Vernunft schwang das Seziermesser über den Glauben. Ueberlaffen wir Dies Anderen, und sehen wir zu, wie wir daS Verhältniß der Vernunft und des Glaubens vom Standpunkte unsrer Religion zu fassen haben. — Die Religion erfordert Glauben. Indem die Religion fich auf metaphyfische Beweisführung gar nicht einläßt, indem die Religion ihren Lehrinhalt einfach auSspricht, apodiftisch hinstellt, fordert fie Glauben, kann fie ohne Glauben nicht sein, und mit Recht wird daher schon im gewöhnlichen Sprachgebrauch „Religion" und „Glauben" als einerlei für einander angewendet. Glaube ist Annahme ohne Beweis, und die Religion selbst als solche giebt keine Beweise. Von hier auS kommt es aber nun darauf an, ob die Religion Prüfung ihrer Lehrsätze zuläßt oder nicht, ob fie eine vernunftgemäße Beweisführung von vorn herein zurückweist oder begünstigt. Dies ist der Wendepunkt. Dies ist das unterscheidende Merkmal unsrer Religion. Während anderweit der Vernunft jede Berechtigung, die Lehrsätze der Religion zu prüfen, abgesprochen wird: wird fie von der heil. Schrift unsrer Religion geradezu beansprucht, und die Beweisführung durch die Forschung in der Natur, durch den Hin- und Einblick auf die Geschöpfe und Schöpfung Got-

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