Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 49 (28.11.1853)
- Date
- 1853-11-28
- Page
- Seite 617 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Abraham) gekostet haben — daS Judenthum hat den großen Vorzug der ununterbrochenen Ueberliefernng für sich. Und dies in zwiefacher Beziehung: zuerst indem die Lehre deS JudenthumS in ihrer Wesenheit von ihrem Ursprünge selbst an durch all die Geschlechter ununterbrochen überliefert wurde; dann indem sie ohne Spaltung, ohne Sektirerei in ununterbrochener Ueberlieferung erhalten wurde. Wir wissen sehr wohl, daß eS von Zeit zu Zeit verschieschiedene Ansichten im Judenthume gegeben hat, daß namentlich immer dann, wenn die Kultur der Völker auf das Judenthum einen Einfluß gewann, sich Arten von Parteiungen und auseinandergehenden Richtungen zeigten — aber alles Dies drang so wenig in den Organismus deS JudenthumS ein, gelangte so wenig zu nachhaltiger Existenz, daß die Geschichte nur mühsam den Inhalt und die Entwickelung dieser Abzweigungen erforschen und wiedergebcn kann. Nun ist hierbei nicht zu übersehen, daß die Religion Israels in ihrer konkreten Gestaltung große Umwandelungen genug durchmachte, daß der mosaische Kulms in den davidischen, der davidische in den Synagogalkultus überging, und dieser seine mehrfachen Phasen durchschritt, ferner daß das mosaische Gesetz zum talmudischen, daS talmudische zum rabbinischen wurde, welches letztere nun die Neuzeit mit ihren brennenden Fingern berührt hat. Dennoch hat die Religion Israels alle diese Prozesse durchgemacht, ohne sich jemals von dem Boden feiner Ueberlieferung loszulösen, ohne diesen den Parteien und völliger NeugestalMng preiszugeben, ohne daher in Parteien, Sekten u. s. f. auf die Länge auseinander zu fallen, selbst wenn hie und da der Ansatz dazu gemacht wurde. Es gab Mosche gegenüber mehr als einen Korach, dem davidischen Hause gegenüber mehr als einen Jerobeam, Hillel und Schammai, Gamliel und Josua standen sich oft genug gegenüber, Maimuni wurde seiner Zeit verdammt und Mendelssohn verurtheilt. Aber — und daS merkt Euch — weil im Judenthume niemals die Person, sondern stets die Sache die Geltung hatte, weil daS gesunde Wesen des JudenthumS immer wieder schnell über alle Persönlichkeiten hinwegging und nur den Inhalt ihrer Arbeiten gellen ließ, darum war niemals weder eine Person, noch eine Ansicht im Stande, die Ueberliefemng im Judenthume zu unterbrechen. Innerhalb dieser Ueberliefemng hat daS Judenthum immerfort gearbeitet, eS kamen Ansichten, Lehrsätze auf, und wurden angenommen, und eS wurden Ansichten, Lehrsätze ausgeschirden; aber eS war die organische Fortsetzung deS Lebens, wie daS Ich im Menschengeiste, die annimmt und ausscheidet. Eine solche ununterbrochene Ueberliefemng in dem eben angegebenen Sinne hat keine andere Religion — selbst der Islam ist in zwei große Konfessionen zerfallen, die sich feindlich gegenüberstehen — durch die Türken und Perser getragen — außer einer Masse kleinerer Sekten, z. B. die Wechabiten. — Aber diese „ununterbrochene Ueberliefemng" ist von außerordentlicher Wichtigkeit. Denn je mehr theoretisch gerade durch die neuere Philosophie seit Kant, ja durch ihren ganzen Auslauf in der neuesten Zeit, so wie faktisch durch den Verfall des Rationalismus erwiesen worden: daß der menschliche Geist nicht im Stande ist, durch die Auffindung unzweifelhafter Argumente die höchste Erkenntniß sicher zu stellen, daß er vielmehr immer und immer von Voraussetzungen auSgehen muß — so gehört die ununterbrochene Ueberliefemng im Judenthume zu diesen Voraussetzungen als eine solche, welche von der größten Wichtigkeit und Bedeutung ist. Unbewußt stehen ja auch zahllose Menschen von außerhalb des Judemhums auf dem Boden der Lehre dieses überlieferten JudenthumS; nicht blos, daß sie den Inhalt ihrer Ueberzeugung daher haben, sondem auch daß die wesentliche Unterlage derselben jenes ist; wie würden sie in Verlegenheit sein, wenn sie aufrichtig und vomrtheilslos nachsuchen und verkündigen sollten, wo sie Quelle und Motivimng ihrer Ueberzeugung Härten.' Um wie viel mehr ihr Juden, die ihr daS große Voraus habt, durch das Festhalten dieser Lehre mit der kirchlichen Satzung eurer Religion nicht in Widerspruch zu gerathen, wie thöricht und undankbar zugleich, wenn ihr aus der Luft holen und in die Luft bauen wollet, waS lediglich aus dem Boden Israels erwachsen ist, und auf dem Felsengrunde Israels seststehi! 3) Die Uebereinstimmung von Geschichte, Glaube, Vernunft und Herz, also des ganzen ZNeN^chen mit ihrem Lehrinhalte. Es ist dies daS bedeutsamste Merkmal, die wesentlichste Eigenthümlichkeit, die der Religion Israels die glänzendste Krone — die volle Befriedigung ihres BekennerS — sichert. Gehen wir daher etwas näher darauf ein. s. Die Geschichte. Wer die Geschichte deS Menschengeschlechtes überschaut, dem kann eS nicht entgehen, daß eS zwei große Weltanschauungen sind, welche die Menschenwelt bis jetzt durchdmngen: die heidnische und die religiöse. Die heidnische ist wesentlich pantheistisch: Gott und Natur find identisch, die Welt ist durch eine