Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 48 (21.11.1853)
- Date
- 1853-11-21
- Page
- Seite 608 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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$08 zirke längst stattgefunden. Eine Erlösung aus dem bunten ChaoS der Legislation wäre um so erwünschter, als die verschiedensten Entscheidungen der Justiz- und Verwaltungsbehörden in Ritualsragen ergehen. Nächstens einige juristische Beiträge dazu. Aus der Provinz Posen, 6. November. lPrivatmitth.) Vor etwa 20 Jahren hat unsre Provinz noch eine ansehnliche Menge großer Talmudisten aufzuweisen gehabt. Aber die Reihen dieser Männer haben sich immer mehr gelichtet, und eS ist ihre Schaar von Jahr zu Jahr geringer geworden, ohne daß für die enstandenen Lücken irgendwie ein Ersatz eingetreten wäre. In den letzten Jahren war eS sogar schon so weit gekommen, daß — wenn Jemand nach den Koryphäen unseres TalmudistenthumS fragte, — man ihm höchstens noch drei Namen, nämlich: 1) Rabbi Joseph Spiro zu Jnowraclow, 2) Rabbi Moses Feilchenfeld zu Rogasen, 3) Rabbi Meier L. Malbim zu Kempen — zu nennen vermochte. Aber leider! auch diese Trias ist nun nicht mehr vollständig. Ein Glied ist ihr neulich durch den unerbittlichen Tod entrissen worden. Der zuerst genannte Herr Spiro, seit mehr als 30 Jahren Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Jnowraclow, hat am jüngsten Sabbat -Bereeschit (20. vor. M.) in einem Alter von 77 Jahren, das Zeitliche gesegnet. Ungewöhnlich groß war die Achtung, in welcher dieser Mann im ganzen Großherzogthum sowohl, als auch weit außerhalb desselben gestanden, ungewöhnlich groß die Liebe, mit welcher seine Gemeinde an ihm gehangen. Der Schmerz der letztern über den erlittenen Verlust hat dies deutlich genug bekundet. Bei dem am 30. vor M. stattgehabten Leichenbegängnisse har eine unabsehbare Menschenmenge aus allen Ständen und Konfessionen den Ueberresten deS theuern Dahingeschiedenen bis zum Friedhofe das Geleit gegeben. — Nicht lange früher ist der genannten Gemeinde durch das Absterben deS — in unserer ganzen Provinz hochgeachteten — pr. ArzteS Dr. Kühlbrand — des Nestors unter unseren jüdischen Aerzten (den vor einigen Jahren auch unser König mit einem Verdienstorden geschmückt hatte) — ebenfalls ein sehr schmerzlicher Verlust zugefügt worden. Was das Gemeindewesen in Posen anlangt, so habe ich ihnen für diesmal folgendes Kuriosum mitzutheilen. Außer der Brüdergemeinde, welche dem vernünftigen Fortschritte huldigt, giebt eS in Posen noch 3 Parteien: 1) die Stabilen, welche rein daS Alte, 2) die Liberalen, welche mehr oder weniger das Neue, und endlich 3) die Indifferenten, welche Keines von Beiden wollen. — So lange der seel. Oberrabiner, Herr S. Eger, noch lebte, war cs schon die Achtung gegen diesen, welche die ad 2 Genannten zurückhielt, mit ihren Bestrebungen und Plänen öffentlich hervorzulreten. Und auch jetzt würden diese sich vielleicht — denn der Jndifferentismus ist auch ihnen nicht ganz abzusprechen — noch nicht gerührt haben, wenn nicht ein gar zu starkes Geräusch in dem Lager der Orthodoxen sie aufgerüttelt hatte. Was war dies? — Ich will eS Ihnen kurz erzählen. — Es hatte sich nämlich im August d. I. schon das Gerücht verbreitet, daß die kleine orthodoxe Partei damit umgehe, bei der obersten Provinzialbehörde darauf anzutragen, daß der Gemeindevorftand amtlich aufgefordert würde, den Rabbinenstuhl möglichst bald wieder zu besetzen, und zwar mit einem Manne, welcher ganz und gar dem Sinne der Petenten entspräche. Dieses Gerücht fand Bestätigung, als man erfuhr, daß in der Stadt ein — von einigen Orthodoxen ausgehendes — Schriftstück zirkulire, in welchem die Gleichgesinnten aufgefordert wurden, durch Namensunterschrift zu bekunden, daß sie mit dem, was qu. Schreiben besage, eines Sinnes seien. — Und waS war der Inhalt dieses Schriftstückes? — Die Freunde der Aufklärung und deS Fortschrittes, zu denen auch der zeitige Vorstand der Gemeinde gehört, wurden darin aufS Stärkste angegriffen und mit den grellsten Farben als lauter Destruktive, d. h. als solche Männer, welche in jeglicher (auch in politischer) Beziehung rein den Umsturz wollen, geschildert. Und an dieses saubre Bild knüpfte sich alsdann der Wunsch, höhern OrtS kräftig dahinzuwirken, daß durch strenge Gegenmittel — und namentlich durch Anstellung eines echt orthodox-gläubigen Seelsorgers — der vorgeblichen Destruktion Einhalt gethan würde. Das Kolportiren des besagten Zirkulars geschah — auS nicht fernliegenden Gründen — so heimlich als möglich. Dennoch kam man den Kolporteuren auf die Spur, nahm ihnen daS, bereits mit einer Menge! von Unterschriften bedeckte, Machwerk auS den Hän-