Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 48 (21.11.1853)
- Date
- 1853-11-21
- Page
- Seite 604 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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604 bald noch schmälern kann. Was wir da thun können? Es kann da von Kampf nicht mehr die Rede sein, da wir Juden ja nur mit dem Schwerte der Vernunft und mit dem Schilde der Humanität zu streiten vermögen. Es kann sich nur einfach um den ruhigen, stillen Widerstand handeln, der darin besteht, daß wir Juden darum nicht aufhören, dem was als Wahrheit in uns lebt nicht ungetreu zu werden, nicht aufhörcn, nach dem Reinsten und Edelsten zu streben, nicht aufhörcn, uns als Träger der Lehre des Einigen, als Träger des Wortes, daS zu uns und zu keinem Andern gekommen, aufrecht zu erhalten, nicht aufhören als Männer der Liebe uns zu bethätigen, nicht aufhören des Tages zu harren, rrinn ava “TiN IQ'21 “ttK 's-, rr:-p und ihm zustrcbend auszurufen: yrao ptn. Im Innern, auf der Seite, auf welcher sich der Ruf nach Umgestaltung und Abklärung so laut gemacht, ein trübes Schweigen, ein feiges Zurückweichen, ein geistloser Stillstand, oder vielmehr eine Bewegungslosigkeit, die der Ohnmacht ganz gleich kommt. Auf der andern Seite hie und da ein ekelhaftes Vordrängen, ein widerwärtiges Geltendmachen, als wenn irgend ein Lappen vom Trödel die Fahne Jsrael's wäre, irgend ein Rococo aus der Rumpelkammer der heilige Altargrund von Morijah; noch mehr ein Gelüste nach scheußlichen Denunziationen, das man Einzelnen wohl nachsieht, denn wo gäbe es dergleichen nicht? Das aber, falls es das Lebenszeichen einer ganzen Partei sein sollte, als echte Sumpfblase nur aus dem tiefsten Moraste der Entsittlichung heraufsteigen könnte. Welch ein Weh! Welch ein drei- und vierfach Weh! Freilich, muß dies jeder wahrhafte Jude empfinden und tragen — aber man wird doch zugestehen, daß Derjenige, dessen Lebensaufgabe es ist, Tag für Tag aus aller Welt Desgleichen entgegenzunehmcn, zu sammeln, zu verarbeiten, an diesem Schmerz, an dieser Mühsal ein vollzerültelt Maß zu tragen hat... . So auch im Raum. Blicken wir nach Osten — so sehen wir einen ungeheuren Zweig von Juden im ganzen Morzenlande, ach, bis fast vor unseren Thoren, immer tiefer und tiefer sinken, bis zum Verschwinden, während im Westen die religiöse Leichtfertigkeit am innersten Marke naget und alle Thatkraft zersetzet, und jenseits des Meeres der wilde Strudel des Materialismus treibt und jagt, daß man nicht zu Athem kommt. Jene große, herrliche Aufgabe des neuern JudenthumS: die stärkste religiöse Ueberzeugung, die kräftigste Bethätigung des Judenthums mit der menschengeschlechtlichen Kultur, mit dem Leben in und mit der Menschheit zu vereinigen, zu identisiziren — diese große, herrliche Aufgabe wird von allen Seiten behindert, bekämpft, verdrängt, geschädigt — durch die Beschränkungen und Ausschließungen, die immer von Neuem aufgerichtet werden, durch den geistigen Verfall unter den Juden und durch die vielen Aliirten unsrer Gegner in unsrer eignen Mitte, welche den Nerv mit ihrem Kohlcnbrandc auf ewig tödtcn wollen! Genug. Jenes erhabene Vorbild, das wir am Beginn unsres heutigen Wortes angcrufcn haben, lehrt uns mitten in namenlosen Verwirrungen das Eine und Einzige im Auge haben, welches hindurchführt — (geistlose Kritiker hielten die Klagelieder Jirmcjahus für unecht! —) die Treue für die Ueberzeugung und die Zuversicht auf Gott, „dessen Barmherzigkeit neu ist jedweden Morgen." Unsere obigen Worte sprachen genug aus, wie viel und was zu thun ist. Schrecken wir keinen Augenblick vor der schweren Aufgabe zurück, welche die Zeiten, die find, und die Zeiten, die kommen, unS auferlegen. Die jüdischen Gouvernanten. Ein Glaubensgenosse in Warschau, ein sehr einsichtsvoller Mann, schreibt uns in diesen Tagen Folgendes. „Wie cs Ihnen vielleicht nicht unbewußt ist, haben wir uns hier noch keines jüdischen Institutes zu erfreuen, welches weibliche Personen mosaischen Glaubens auSbilde, denen wir die Erziehung unsrer Töchter anvertraucn können. Es ist daher hier nichts häufiger, als christliche Bonnen und Gouvernanten annnb als solche in vie Häuser aufzunehmen. Hieraus entspringt aber für unsere Religion ein doppelter Nachtheil. Erstens — und dies ist freilich charakteristisch — nehmen die jüdischen Eltern Anstand, ihre religiösen häuslichen Zeremonieen in ihrer, wenn auch nicht gar weiten Ausdehnung auszuüben, weil sie lächerlicher Weise sich dadurch vor den Augen der christlichen Bedienung lächerlich zu machen glauben; und zweitens — was noch viel schlimmer ist — werde« die Kinder durch die gedachten Erzieherinnen der jüdischen Religion zugleich entzogen, indem die letzteren geradezu beflissen sind, durch Umgang und Unterricht das jugendliche Gemüth für das Christliche zu gewinnen, so oft sie mit ihren Zöglingen ausgehen, nicht unterlassen mit ihnen in die christlichen Kirchen einzukehren, um durch Chor und Orgel auf die Kinder Eindruck zu machen. Ueberhaupt