Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 46 (7.11.1853)
- Date
- 1853-11-07
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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578 behaupten, daß dieser Charakter schon gänzlich aus unsrer Mitt-e gewichen; es würde arge Uebertreibung sein, wenn wir sägten, daß nichts mehr davon vorhanden sei. Unsre ganze ErMenz beruhet auf unsrer Charaktermäßrgkeit. Auch halten wir das nicht für Charakter, was Furcht und Gewohnheit thun, und das nicht für Mangel an Charakter, wenn wir an Sitte, Bildung, Kenntnissen, Humanität dem Allgemeinen uns zu nahen streben.... Aber wäre das Charakter, wenn der Jude bei jeder Berührung der Oeffentlichkeit, und sei es nur daS Fahren im Pvst- oder Eisenbahnwagen, den Juden verleugnet, und zu Tode erschreckt, wenn man ihn als solchen erkennt? Oder ist das Charakter, wenn Eltern, während fie Juden bleiben, es gern sehen, wenn ihre Kinder die Religion ihrer Väter verlassen? Oder ist das Charakter, wenn Jünglinge um irgend einen äußeren Vortheil ihrem Glauben aufs Leichteste absagen? Oder ist das Charakter, wenn unter den Juden selbst eine grenzenlose Verachtung ihres Stammes grasfirt? Oder ist das Charakter, wenn die Reichen hündisch vor Andersglaubenden kriechen, nur um—ihres Umganges gewürdigt zu werden? Oder ist das Charakter, wenn die Reichen, die Hunderttausende an Villen und Gärten und Sängerinnen und Tänzerinnen wegwcrfen, nicht ein einziges Institut errichten, das der Intelligenz, der Religionslehre, dem Schulwesen u. s. f. unter ihren Glaubensgenossen diene, sondern vielmehr die noch bestehenden zu Grunde gehen lassen.... Und was noch anzuführen wäre! Ja, alles Dies deutet allerdings auf eine bedeutende Abnahme an Charakter auch in unserm Stamme hin, und, wie immer, ziehen wir dies unumwunden an's Licht, damit wir erkennen, wohin unser Augenmerk zu richten sei. Allerdings kann Vieles von Dem, was wir oben bezeichnet haben, auf Rechnung der Zeit geschrieben werden, und wird mit ihr sich ändern. Das Hinausdrängen wird sich wandeln — nicht in Sichwiederabschließen, sondern — in ruhiges, würdiges Zuwarten; die Selbstverachtung in Selbstachtung; und vor Allem wird die Erkenntniß immer lebendiger werden, daß im Judenthume so Großes enthalten ist, was der Mensch, was der Israelit im Menschen nicht entbehren kann, und diese Erkenntniß wird auch den schwankenden Charakter unterstützen. Aber Ihr, Eltern, Lehrer, die Ihr cs mit dem Zudenthume treu meinet, Ihr wisset doch hieraus, wohin Ihr insonders Euer Augenmerk zu wenden habet. Charakter wird nicht ohne Kampf. Auch zum Charakter gehört Anlage, aber ist diese vorhanden — und dies findet ja beim Juden statt — so muß fie entwickelt und ausgebildet werde». Uift dies geschieht, indem man ihn frühzeitig hervvrrrete» läjjji, indem man dem Knaben das Schwänzeln und Heucheln und Verdecken nicht zur Gewohnheit macht, sondern Offenheit, freimüthiges und bescheidenes Benehmen — hervorgehend aus Selbstachtung! Ihr aber, Juden, strebet nach Charakter, stärket und stählet ihn — dann seit Ihr auch jetzt noch, wie Ihr in alter Zeit genannt wurdet — „das Salz der Erde'." Hannover, im Oktober. Bekanntmachung und Aufforderung. Die hebräische und orientalische Bibliothek des seligen L. V. Saraval. welcher ihr ehemaliger Besitzer als Direktor der israelitischen Hauptschule zu Triest ein halbes Jahrhundert hindurch die größte Sorgfalt zugewendet hatte und deren Katalog uns eben unter dem Titel: Lalalogue de la hibliolheque de litterature hebraique et orientale et d’Auteurs hebreux de feu Mr. Leon V. Saraval, Trieste 1853 vorliegt, steht jetzt bei deffen ältestem Sohne daselbst, Herrn M. Saraval, zum Verkaufe. Indem wir uns beeilen, die Aufmerksamkeit des Publikums auf dieselbe zu lenken, bemerken wir, daß die in Rede stehende, in der gelehrten Welt insbesondere durch Luzzatto und Zunz bereits rühmlicbst bekannten Bibliothek ihren Ruf bei ihrem Reichthume an seltenen Ausgaben und kostbaren Manuskripten vollkommen verdient. Der genannte Katalog ist nach den allgemeinen Angaben deS Herrn Dir. Steinschneider angefertigt, welcher sich während seines vorjährigen Aufenthaltes in Triest ausschließlich damit beschäftigt, hatte, einen Theil der Handschriften und gedruckten Werke zu prüfen und dann später den Katalog der Manuskripte vor deffen Drucke durchgesehen hat. Der Gesammtkatalog umfaßt sechs Abtheilungen, von denen sich die erste über die chronologisch geordneten Ausgabe» des fünfzehnten Jahrhunderts, die zweite über die gleichfalls chronologisch geordneten Bibeln und die einzelne« Theile der heiligen Schrift, die dritte über die verschiedenen gedruckten Werke bei alphabetisch geordneter Angabe der Autoren, die vierte über die anonymen Bücher und Zettschriften in fremden Sprachen mit Ausschluß der hebräischen, die fünfte über die Sammlungen, Zeirschriften und anonymen Werke in hebräischer Sprache und endlich die sechste über die Manuskripte verbreitet. Schon «in