Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 45 (31.10.1853)
- Date
- 1853-10-31
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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572 Leitung deS unvergeßlichen Josef Perl, welcher einen KreiS von Männern um sich versammelte, die bei bescheidener dunkler Lebensstellung doch eines bildenden EinfluffeS auf die israelitische Jugend sich zu rühmen hatten, einzig durch die Macht der Wahrheit und Einsicht. — Anfangs Lehrer an der Perl'schen Musterschule zu Tarnopol, zog er schon im Jahre 1829 nach Rußland, wo die Regierung bald seinen Werth erkannte und ihm eine seines Talentes, seines ThatigkeitstriebeS würdige Anstellung als Direktor der israelitischen Schule gab. Es galt in diesem Berufe viele Mißbräuche abzustellen, eine intelligente, den Fortschritten der Zeit angemessene Lehrmethode einzuführen und die Schule zu einem wahrhaften israelitischen Bildungsiustitute zu erheben. Diese Aufgabe erfaßte der selige Stern aufs Gewissenhafteste und Wirksamste. Unter seiner Direktion vermehrte sich das Ansehen, die Schülerzahl, der intensive Werth unsrer Schule. DaS Vertrauen, das seine Rechtlichkeit und Weisheit einflößten, überwand die Vorurtheile der altjüdischen Partei gegen die Schule und die höheren Stände verschmähten es nicht, ihre Kinder dahin zu schicken, und setzten ihren Stolz darein, dieselben von Stern unterrichtet zu sehen, der aber ohne Ansehen der Geburt und Glücksgüter, die Fülle seiner Lehren über alle gleich ausgoß. Aber auch in weiteren Kreisen bewährte sich die Tüchtigkeit der Gesinnung und der edle Kern, der in diesem Manne lag. Wo es galt, die Interessen der jüdischen Gemeinde und der russischen Juden im Allgemeinen zu vertreten, war Stern der Erste, der Eifrigste, gleich ausgerüstet mit dem Vertrauen seiner Glaubensgenossen, wie mit dem der Regierung, bei der er in hohem Ansehen stand, und die ihn in vielen wichtigen Fällen um seine Meinung, seine Rathschläge anging. Im Aufträge der i Obrigkeit machte er mehrere Reisen, unter anderm auch nach St. Petersburg in die zu ihrer Zeit bekannte Rabbinerversammlung. Dieselbe Regierung belohnte ihn schon frühzeitig für seine Thäligkeit und Verdienste durch die Ernennung zum Ehrenbürger und Verleihung der in Rußland mit diesem Titel verbundenen Rechte und Immunitäten. So wirkte Bazilius Stern im Laufe von fast 25 Jahren. Die Widersacher, die ihm hie und da im Schooße der Gemeinde die mitunter zwar schroffe, aber immer überzeugungstreue Vertretung seiner Ansichten zuzog, verwandelten sich bald in seine Freunde und Verehrer, als sie des Mannes ehrenhafte Gesinnung und die Folgen seines Wirkens erkannten. Daß er manchmal irrte, und unsrer Meinung nach vornehmlich bei Gelegenheit der durch die Ablösung eines TheileS der Gemeinde zu einem geläuterten Gottesdienste herbeigeführten Spaltung im Schooße dieser Letzteren, als er nämlich seine Autorität nicht zur Heilung dieses Zwiespaltes verwandte, vielmehr selber Partei nahm. Diese Irrungen beweisen, daß er eben Mensch war, menschlichen Schwächen und Unvollkommenheiten unterworfen und erhöhen noch den Werth seiner anderweitigen Leistungen. Körperliche Leiden (wozu sich noch in den letzten Jahren der Verlust manches ihm theuern Wesens gesellte) und die Umgestaltung der Schulverhältniffe ließen ihn im vorigen Jahre von der Verwaltung der Schule zurücktreten. Mit schwerem Herzen, sein nahes Ende gleichsam voraussehend, schied er von dem ihm theuer gewordenen Berufe und das Bedauern seiner Schüler und Kollegen gesellte sich zu dem Seinigen. Er wollte sich nun ganz von jeder öffentlichen Thätigkeit zurückziehen, sich und seinen Studien leben, da erreichte ihn sein Geschick, das ihn aufs lange Schmerzenslager hinwarf und ihn dann dem frühen Tode Preis gab. Er starb und die Thränen seiner Glaubensgenossen, das Bedauern der Bewohner Odessas — denn unter allen Klassen und Konfessionen hatte er Freunde — folgte ihm in die Gruft, AlleS fühlte, daß sein Verlust unersetzlich, daß wir so zu sagen eine ganze Macht, eine Macht der Intelligenz und der durch Erfahrung geprüften Weisheit in ihm begruben. Viele Arme beweinen in ihm ihren Vater, der er durch Lehre, Geduld und liebevolle Sorgfalt geworden war. Stern'S Persönlichkeit war eine der liebenswürdigsten und trotz Einfachheit in Kleidung und Benehmen imponirend. Die hohe Stirn, das auf dem ganzen männlich schönen Antlitze liegende Gepräge des Denkers verkündete den ungewöhnlichen Menschen. Sein Organ war klangvoll und angenehm, sein Gespräch das erheiterndste. Wir konnten Stunden lang seinen Worten lauschen, wenn er mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit, die Leichtigkeit der Konversation, mit der Gründlichkeit deS Forschers verbindend, von einem Gegenstände zum andern übergehend, dem Geringsten Bedeutung abgewann, und überall eine sinnreiche, eingreifende Bemerkung zurückließ. — Er war