Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-10-24 · Heft 44 (24.10.1853) · p. Seite 559

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 44 (24.10.1853)
Date
1853-10-24
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225822-3225867--13459-3299775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

559 wesenden nicht verstand: so erscheint unS seine Rede auch durchaus nicht so klar und bestimmt. Geben wir einige Hauptstellen. „Wir leben in einer UebergangSperiode. Die Bewegung, die vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert begonnen, und durch welche eine so tiefe und glückliche Veränderung vor fich gegangen in dem Geschicke Israels, mußte nothwendig den Lauf der Ideen Und die Gewohnheiten des Lebens verändern, eine gewisse Verwirrung (perturbstion) in den Geistern Hervorbringen, und die religiöse Thätigkeir versetzen (cleplacer l’activite rcligieuse). Ich sage „versetzen", denn aus dem Schooße dieser Verwirrung selbst, aus dieser Art von Erschlaffung sah man sogleich eine Bemühung um Wiedererbauung (reeonstruetion), Reorganisation hervorgehen, und der Geist deS JudenthumS, weil davon zu erlöschen, hat nicht aufgehört zu wirken, zu befruchten, in herrliche Resultate sich umzusetzen, in bewunderungswürdige Aufopferungen. Die Prüfung, ohne Zweifel, ist noch nicht zu Ende, sie wird noch dauern, sie ist schwer, sie ist gefährlich." Er schildert nun die verschiedenen Urtheile hierüber, und findet hierin die Gefahr, indem daraus die Spaltung entstehen könne, während die einzige Rettung die Einheit sei. Er fährt fort: „Damit diese Einheit ernst und dauerhaft sei, damit fie ein Prinzip der Stärke und Thätigkeit werde, muß man ihr eine solide Basis sichern, indem wir uns Alle auf denselben Boden versetzen, indem wir in der israelitischen Tradition verbleiben. Wenn wir Alle nach demselben Ziele streben, die Ehre und die Interessen deS JudenthumS aufrecht zu erhalten, muß man auch von demselben Punkte ausgehen (?); wir müssen aus unsrer Mitte nicht allein jede Tendenz, dem Judenthume fremde Elemente beizumischen, verbannen, sondern auch jeden Wunsch, jede Begierde, auS ihm zu entfernen oder in ihm zu unterdrücken was zu feiner Wurzel gehört, waS auS seinem Prinzipe erfließt, was dasselbe in seiner äußern und praktischen Form charakterisirt. Uns von diesem Boden entfernen, auS dem traditionellen Wege herauSgehen, mit Mißachtung der festgesetzten und geheiligten Regeln, daS heißt aufS Geradewohl umherirren, ohne Führer, ohne Leitung, das heißt ein Feld dem Einbruch der entgegengesetztesten, verschiedenartigsten Ideen eröffnen, daS heißt die Einheit unmöglich machen, die Spaltung unvermeidlich, das heißt nicht das Judenthum ehren, sondern in seinem wesentlichsten Grundsätze vernichten, welcher ist ein Grundsatz der Liebe, des Friedens, der Eintracht u.s.f." — (Dies ist gewiß Alles schön und geistreich, aber — sehr unklar und Phrase. Wer dies liest, muß der nicht Herrn Ulmann für den orthodoxesten Rabbiner halten? Und doch wurde in seiner Gemeinde Nancy mit seinem Willen am Sabbat die Orgel gegespielt. (S. A.Fr. p. 569.) Was heißt dies „Fremdes?" Welch weites Feld! Ja, daS Wesen deS JudenchumS muß von allem Fremden bewahrt werden. Aber hat das traditionelle Judenthum, har daS rabbinische Judenthum niemals Fremdes angenommen? Ist Orgel, ist Predigt, ist Chorgesang nichts „Fremdes?" Giebt es nicht auch eine Scheu vor „Fremdem," die dem egyptischen Fremdenhasse gleichkommt? Haben nicht „Fremde" (die Leute Chiram'S von TyruS) den Tempel Schelomo'S gebaut? — Und ferner die Einhaltung deS traditionellen WegeS — und doch wieder die „glückliche" Veränderung, die mit dem Judenthume vor fich gegangen! WaS heißt dies? nicht, daß die Juden dem allgemeinen Leben fich angepaßt haben? nun, in diesem „allgemeinen Leben" können sie aber nicht auf dem „traditionellen Wege" bleiben! DieS ist klar wie die Sonne. — Endlich: „Einheit!" O ja, wenn der Bruch nicht da wäre! Wenn ich *1s des deutschen Judenthums den Sabbat und das Fest nicht mehr halten sehe, mit Ausnahme der 3 Tage da noch von „Einheit" sprechen, scheint mir die Lage der Dinge überkleisternd. Ich frage, weiß Herr Ulmann, waS „Einheit" für die stabile Orthodoxie heißt? Sie wird sagen: Lieber Herr Ulmann, da Du am Sabbat die Orgel spielen ließest, hast Du längst die „Einheit^ gebrochen, und solltest Du eine unsrer Töchter heirathen wollen, müßtest Du erst einen Revers unterschreiben, daß Du Deinen Tempel in Nancy nie wieder betreten willst!... Nein, nein! es giebt Zeiten, wo die „Einheit" nicht möglich ist, weil fie überhaupt nicht da ist, wo die „Einheit" nur dann wieder möglich sein wird, wenn die Phase ihre volle Entwickelung erhalten haben wird, wenn Alle vorwärts gegangen sein werden. ES giebt Zeiten, wo der Bestand gerade darin besteht, daß die Geister aufeinanderplatzen, wo Großes geschaffen wird dadurch, daß sich verschiedene Richtungen bekämpfen, wo Ruhe, Einheit — Tod wäre! Red. d. A. Z. d. Judenth.) — Die Gemeinde und daS Konsistorium in Nancy haben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.