Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 43 (17.10.1853)
- Date
- 1853-10-17
- Page
- Seite 548 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Synagogale. Damit will ich aber nicht sagen, daß die Reise weiter keine Ausbeute geliefert habe, als die Selbstzufriedenheit. Ich habe auf meinen Ausflügen Manches gehört und wahrgenommen, was mir, als Liturg, zu Statten kommt. Ich bin dabei in den Besitz sehr brauchbarer Mufikalien gelangt, die mir sonst unbekannt geblieben wären. L. Adler, Schullehrer. Reiseberichte. (Fortsetzung.) Magdeburg, 2. Oktober. Indem ich nun versuchen will, in die Details des zu Wien Erlebten, Gesehenen und Genossenen mich zu versenken, wird mir allerdings die Weise schwer, wie die Fülle zu überwinden sei! Soll ich zuvörderst von dem freundlichen und gastfreien Entgegenkommen so Vieler, und was mehr sagen will, so Hochachtbarer sprechen? oder von den Anstalten? oder von Anderm, was wohl schon viel besser beschrieben worden, als ich es, noch dazu bei so flüchtigem Besuche, veruröchte, von dem man jedoch gern einmal wieder die Einwirkung im Subjektiven vernimmt?... AuS dieser Noch helfe uns einfach der Spruch: vor Allem Dem die Ehre, dem die Ehre vor Allem gebührt -und daher Folgendes über — den Gottesdienst im Tempel. Mit den beiden Gegenständen, die mir überall am meisten am Herzen liegen, Synagoge und Schule, insonders Religionsschule, ging es mir in Wien so: die Synagoge war da, aber der Lehrer darin, Mannheimer, nicht zu Hause; umgekehrt: die Religionslehrer, die beiden trefflichen Männer, Breuer und Wolfs, waren da, aber die Religionsschule nicht, denn — es waren Ferien. Begnügen wir unS mit Dem, was sich unS darbot. — Ich habe dem Gottesdienste im Tempel viermal beigewohnt, und dreimal davon fungirte — Sulzer. Der Tempel ist — eine griechische Rotunde, in welche natürlich das Licht von oben fällt, neun Säulen ringsum stehen vor dem ringsum laufenden Seitenraum, oder hier richtiger Nebenraum, und tragen zwei Gallerien über einander. Zwischen zwei Säulen an der Ostseitc ist die heilige Lade, davor die Estrade mit dem Pult für Vorsänger und Chor; die Kanzel wird hingestellt, wenn gepredigt wird. Sonst ist Alles dicht mit Sitzen besetzt. Die Wölbung ist hoch, daS Gebäude in allen seinen Theilen von den besten Dimensionen und Verhältnissen, daS Ganze harmonisch, von bestem Eindruck — wenn auch allerdings nicht von jüdischem Charakter. In diesem „Säulengetragenen Hause" wird der Gottesdienst vollständig nach alter Weise vollzogen, mit folgenden bedeutenden Ausnahmen: 1) die Piutim find zum größten Theile beseitigt, 2) Ruhe und Ordnung herrscht beim ganzen Gottesdienste, 3) die Gemeinde hat nur hie und da bei einem einstimmigen Rezitativ cinzufallen, sonst ist das ganze Gebet zwischen Vorsänger und Chor vertheilt. Es versteht sich wohl von selbst, daß die Mischeberach, Jekum purkan, Bame madlikim weggefallen; beim Einheben und Ausheben spricht der Vorbeter vor der geöffneten Lade ein deutsches Gebet. Dies ist Alles, und man sieht, daß jeder Orthodore, der nur irgend in den Satzungen Bescheid weiß, damit vollständig zufrieden sein kann. Werden aber die Reformer zufrieden sein? Wie? keine Orgel? keine deutsche Liturgie? nicht einmal ein deutsches Lied? keine abgekürzten und übersetzten Gebete? kein dreijähriger Zyklus? keine deutsche Haphtora? kein Wegfall des Trop? kein Wegfall der stillen AÄ?u. s. w. u. s. w. Und allerdings wird diese Ansicht nicht ganz zurückzudrängen sein! Nun aber gehe man hin und höre Sulzer dorbeten und höre Sulzer's Chor — und man wird Orgel, deutsche Gebete, deutsche Haphtora, Alles, Alles vergessen, man wird sich so in die Höhen getragen, so hingerissen und erfüllt, so geheiligt fühlen, daß es lächerlich wäre, noch eine Forderung zu stellen, noch eine Bedingung zu setzen, um sich zu erbauen, um sich religiös veredelt zu fühlen. Uns schienen die alten geheiligten Klänge unsrer Ursprache in dieser Weise durch die erhebenden Harmonien mit neuer jngendfrischer Kraft begabt, unmittelbar in's Herz zu dringen, und darin, nicht unbekannte, aber doch nicht allzuoft erwachende Gefühle hervorzubannen. Es mag sein, daß nach sehr häufigem Anhören der Zauber nicht mehr dieselbe Kraft übt, daß die Kritik dann erwacht und Neues fordert, namentlich für die Jugend Verständlicheres; eS mag sein, daß es eben dieses glänzende Talent Sulzer's und sein trefflich einstudirtes Chor nur ist, welches für die Mehrzahl diesem Kultus die Anziehungskraft gicbr, die er nun so lange schon ausübt. Aber weiß man denn überhaupt durch irgend ein Mittel Diejenigen auf die Länge zu fesseln, welche wegen Mangels an religiösem Bedürfniß und aus Bequemlichkeit fern zu bleiben pflegen?... Man kan auch dem Tempelgottesdienste recht viel Form nicht absprechen. Die Aufstellung, die Bewegung, die Prozession, Alles ist von Effekt; allerdings aber ist er lang.