Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 43 (17.10.1853)
- Date
- 1853-10-17
- Page
- Seite 549 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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549 Es giebt jetzt, wie man mir sagte, in Wien zwei Parteien, welche mit dem Tempel nicht zufrieden find; die Einen, welche den ganzen allen Gottesdienst wieder babcn wollen, mit Schreien, Rennen, Schwatzen, mit Wegfall aller Andacht und Erhebung, mit Plappern, Schaukeln ff. ff.; die Anderen, welche mehr Fortschritt, namentlich mehr deutsches Element, Beschäftigung der Gemeinde u. s. f. verlangen. ES fragt sich wie vielen wirklichen Boden die beiden Parteien in Wien haben- Jedenfalls ist es sehr gut, daß einstweilen schon eine altpolnische „Schul'" eröffnet worden ist. Man kann sich denken, daß diese bei der Mehrzahl so viel äegout Hervorbringen wird, daß sie die Sehnsucht darnach verlieren werden. Daß man aber daran denkt, den neuen Tempel in der Leopoldstadt, den man zu bauen beabfichtigt, für den ganzen alten Ritus herzustellen, wäre für den Tempel ein gar arges Dementi. Indessen steht uns über alles Dies noch kein gemessenes Urtheil zu, da wir doch das Publikum in Wien näher kennen zu lernen, weder Zeit noch Gelegenheit hatten. Wie ich schon bemerkt habe, von der wirklichen Einrichtung, der Lehrmethode u. s. f. in dem geregelten Religionsunterrichte konnte ich per Autopfie keine Kennrniß nehmen, da gerade die Schulferien stattfanden. Man weiß, daß der Religionsunterricht im Kaiserstaat auch für die Juden obligatorisch ist, daß demnach Prüfungen jedes ScholarS stattfinden, um in feine Censur die angemessene Note aufzunehmen. Man kann fich demnach denken, welche inkligesta moles da zu verarbeiten ist, und wie sehr die Kräfte der beiden trefflichen Religionslehrer, der Herren Breuer und Wolfs, in Anspruch genommen find. Mit ihnen verkehrte ich desto mehr, und ließ mir von ihnen Gang und Methode beschreiben. Wie viele schöne Stunden verbrachte ich mit ihnen in der Diskussion über die schwierigen, dogmatischen und praktischen Fragen des jetzigen jüdischen Religionsunterrichtes! Welch Vergnügen verursachte es, seine Erfahrungen auszutauschen, welche Freude, wo man zusammentraf und fich übereinstimmend fand! Jndeß dies Alles, ist Privatgut, und gehört nicht vor die Oeffentlichkeit. Genug, daß man fich der verflossenen Stunden mit dauerndem Vergnügen erinnert, und daß man fich nahe genug kam, um das innige Berhältniß auch die Ferne überragend erhoffen zu können. Nichts destoweniger führt dies uns unmittelbar auf das Schulwesen, und der freundliche Leser wird mit mir eine Reihe von Anstalten durchwandern die dahin gehören. Merkwürdiger Weise ist keine derselben Sache der Gemeinde, sondern sie find alle Vereins- oder Privatinstitute. Die Frage wegen Gemeindeschulanstalten ist schon oft auch in Wien ventilirt worden, bis jetzt aber immer verneint worden. Dagegen heb' ich die Kleinkinderb ewahranstalt unter Herrn Leidesdorf, das Taubstummeninstitttt unter Herrn Deutsch, welche beide Vereinsanstalten find, so wie die SzLnto'fchen beiden Ei^iehungs- und Schulinstitute, welche Privatanstalten find' hervor. Es giebt außer den letzteren noch eine Erziehungsanstalt von einem Herrn Wiener, wenn ich nicht irre, geleitet, die ich aber kennen zu lernen keine Gelegenheit gehabt habe. — Im Ucbrigen ist die Gemeinde an fich jetzt sehr geordnet, das Sekretariat und Archiv wird von Herrn vr. Ludwig August Frankel musterhaft geführt, der namentlich das Letztere erst geschaffen. *) Unter seiner und deS Herrn vr. wert. Fischhof freundlicher Leitung sah ich auch das iSrael. Spital und den alten Freithof, und damit hatte ich wohl so ziemlich alle jüdischen Anstalten Wiens besucht. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Juden Glogaus u. Bevor ich meinem in Nr. 37 dieser Blätter gegebenen Versprechen gemäß über die Geschichte der Juden Glogaus weiter berichte, schicke ich erst einige nachträgliche Bemerkungen zu dem genannten Artikel voran. Das den Juden in Glogau im Jahre 1299 vom Herzog Heinrich enheilte Privilegium (vgl. oben p. 469) hat mit dem von Bolcslav, Herzog von Kalisch, im Jahre 1264 erlassenen Judengesetze viele Aehnlichkeit oder ist wohl gar auS demselben entlehnt. Der in Nr. 37 p. 470 erwähnte Rabbiner Leb lebte um 1705 und der dort gleichfalls genannte Verfasser des di«« i"P hieß R. Mosche Helin. Indem ich nun über die Juden GlogauS weiter referire, bemerke ich, daß meine diesmaligen Mittheilungen dem nunmehr erschienenen zweiten Hefte der von Herr Professor Minsberz herausgegebenen Geschichte der Stadt und Festung Großglozau, welches bis zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts reicht, entnommen find. In einer *) S. dessen „Zur Geschichte der Juden in Wien" 1853. (No. 26. dieser Zeit.) Derselbe ist mit Abfassung eines zweiten „Beitrags" beschäftigt, der insonders über eine geheimnißvolle Person des vorigen Jahrhunderts sehr Interessantes bringen wird, die bei verschiedentlichen Gelegenheiten zum Vorschein kam, aktenmäßig feststeht, und dennoch wieder in Mythen gehüllt ist.