Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 43 (17.10.1853)
- Date
- 1853-10-17
- Page
- Seite 547 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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über im Druck erschienen ist, leidet größtentheilS an Geschmacklosigkeit und Steifheit. So fand ich es auch in Frankfurt, wo man sich in diesem Punkte mit dem behilft, avas die brauuschweiger Gesänge bieten. Auch schweigt das Chor gerade da, wo es am meisten wirken sollte, bei dem Tutti der Gemeinde. So arbeitet sich Las Chor ohne Gemeinde und die Gemeinde ohne Chor ab. Und es geht ihnen auch darnach. Die Gemeinde schwankt in ihrem Gesänge, und ihre Partien haben keinen Halt und .keine Krast. Das Chor trägt unter Leitung seines tüch- .tigen Dirigenten seine Sachen brav vor. DaS Personal ist aber so schwach, daß der Dirigent die ganze Bcscheerrmg. .auf seinen Echooß nehmen könnte. — Man wende sich ' der Synagoge ganz zu, und suche sie mit ihren eigenen i Mitteln zu heilen. Man bilde Dorbetcr, die mit tüchtigen Gesangmitteln musikalische Bildung verbinden; aber! nur zu dem Zwecke, daß sie die vorhandenen Synagogenmelodien zu läutern und mit Gcschniack vorzutragcn! verstehen. DaS Chor sollte nur der gesanggeübte Theil: .der Gemeinde sein, dem sich der ungeübte anschlirße, bis endlich die ganze Gemeinde ein Chor bildet. Die Melodien seien kunst- und schmucklos, einfach und doch an- 1 sprechend. Alle übrigen künstlichen Gesänge, deren Bor-; trag nur Sache eines geschulten Chors sein kann, und bei welchen die Gemeinde nur den Zuhörer machen muß; Musikalische Vorträge, vor deren Aufführung erst die Akkorde durch die Reihen der Sänger summen; Chöre, an deren Spitze der taklsausende Stock geschwungen wird: werden voraussichtlich die Synagoge noch manches Jahr konfus machen; nie aber werden sic Wurzel fasten; nie .wird eine ganze, volle israelitische Gemeinde ihre dauernde Freude daran finden. Auch die deutschen Gebete sollten weniger lange Betrachtungen, die dem Dortrage des Vorbeters anheim fallen, sein; sondern sollten auch , wenigstens zum Theil, als Wcchselgebetc, oder besser Wechselgesänge für Vorbeter und Gemeinde eingerichtet werden. Auch dafür sollten womöglich Synagogenmclodien gewählt werden. Die bekannten, gern gehörten Melodien würden den Texten die beste Aufnahme bereiten. Es sind wenige Synagogen in Deutschland, in welchen das schöne Gedicht Steins: „O Tag des Herrn du nahst re." — am Vor- .abende des Versöhnungstages nicht gehört würde (???). Nicht dem vortrefflichen Gehalt des Gedichtes verdankt man dieses, sondern der so gern gehörten, ergreifenden T12 d2-Melodie. Beim Freitagabendgottesdicnst zu Frankfurt findet man Aehnliches. Die letzte Strophe eines Gedichtes (von Stein), das vom Dorbeter gesprochen wird, wird von der Gemeinde gesungen. Ich fand, daß diese Partie von der Gemeinde mit inniger Theilnahme gesungen wurde. Der Eindruck war ein sehr erhebender. So auch beim Schluffe, wo gleichfalls die Schlußworte deS deutschen Gebetes von der Gemeinde gesungen werden, und einen gleich guten Eindruck machten. Von zwei Jrrthümern muß man sich bei der Reform des SynägogenwesknS in Deutschland frei machen. Erstens, daß Alles das , was der Kirche frommt, was die Kirche ziert, auch der Synagoge gedeihlich werden müßte. In der Kirche dominirt die Predigt und der Choral. In der Synagoge die Liturgie, getragen von dem Solo des Vorbcters und dem Tutti der Gemeinde. Man sticke die Riste der Synagoge nicht mit Lappen von dem Gewände der Kirche. Man lasse Jedem, die Weise, die ihm angewohnt ist. Zweitens, daß der öffentliche Gottesdienst auf der Höhe der Zeitbildung stehen müsse. Eine Liturgie kann nicht wie eine Monatsschrift wechseln. Sie muß Jahrhunderte überdauern, und Menschen von tausenderlei Gesinnung und tausenderlei Bildungsgraden dienen. Da kann nicht Jedem jedes Gebet gerecht sein. Und braucht cs auch nicht zu sein. Die Hauptsache ist, daß die Synagoge täglich, oder in weiteren Zwischenräumen ihre Kinder zum Zwecke der Verehrung des einzigen Gottes in ihren Räumen versammelt sieht. Was nun in dieser Synagoge getrieben wird, und wie es zerrieben wird, ist eine wichtige Frage, und muß jedem wichtig sein; aber es ist doch nur eine wichtige Nebenfrage. Der sich selbst verleugnende, echt religiöse Israelit kann in jeder Synagoge nach Herzenslust mitbeten und seine fromme Gesinnung wird ihm über die Unvollkommenheit des Wortes hinwegtrazen. Das Resultat meiner Reise ist nun folgendes. Als ich sie antrat, dachte ich, es müßte anderswo Alles, namentlich die musikalische Seite des Gottesdienstes, viel besser sein; da hier die ganze Einrichtung, nachdem die Grundzüge von der höchsten Behörde festgesetzt waren, in wenigen Tagen bewerkstelligt werden mußte, und das ohne Muster, und andre HülfSmittel. Ich betrachtete daher besonders das, was ich dazu gethan, den musikalischen Theil, als nur provisorisch. Die Reise sollte mich das Bessere lehren, um es hier nach erlangter Genehmigung zu verwenden. Allein ich fand es weder in Waldorf noch in Frankfurt, noch in Kassel besser als hier. In Waldorf fand ich mehr Ordnung, mehr Betheiligung, in Kassel mehr Glanz, in Frankfurt mehr Fortschritt, hier aber mehr praktischen Sinn in der Anordnung und Rücksicht auf das