Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 43 (17.10.1853)
- Date
- 1853-10-17
- Page
- Seite 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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540 Die „Religionsgesellschaft" besteht gegenwärtig aus 150 Mitgliedern, sie hat vollständiges Korporalionsrecht, besitzt eine konzessionirte Schule, eine Synagoge (■p-ns*' nVsn ms) und ein Frauenbad. Der Ankauf des SchulhaufeS, der Bau der Synagoge rc. verursachte einen Kostenaufwand von mehr als hunderttausend Gulden, wozu die Familie Rothschild 2/3 und die Mitglieder '/s beisteuerten. Die Kulms- und Schulkosten werden aus freiwilliger Beisteuer bestritten. Die Religionsgesellschaft anstrebt noch drei Dinge zu ihrer vollständigen Organisation: Befreiung ihrer Mitglieder von den Gemeindelasten, insofern sie den allgemeinen Kulms betreffen; daS BeaufsichtigungSrecht ihres Rabbiners über die jüdischen Fleischscharren, und das dritte — rra-nba sbs -pr«. Die neue Synagoge ist einfach aber fehr geschmackvoll erbaut, besonders ausgezeichnet ist der rr-ripn yns und der Almemor. Die Einweihungsfeier, welcher der Senat und die Bürgermeister beiwohnten, bestand in Absingung einiger gut gewählten Psalmen, in den üblichen Umzügen und Predigt. Außer der Festpredigt vernahmen wir kein deutsches Wort; selbst das im Programm angeordnete Gebet für die Obrigkeit wurde von Rabbiner Hirsch auf hebräisch in der veralteten Form vorgetragen, oder richtiger abgeleiert. Von der Festpredigt, die sehr geistreich gewesen sein soll, haben wir wenig verstanden, Hirsch modulirt feine Stimme auf eine solche Weife, daß dem Fernstehenden die Hälfte seiner Worte verloren geht; bald vernimmt man nur ein leises Flüstern, bald tobt und rast er, hingerissen von seinem Feuereifer zu heiliger Begeisterung. Wenn Hirsch seine Rede ruhig und vernehmlich vortrüge, so würde er bei seiner volltönenden Stimme, bei seinem nördlichen Dialekt und besonders durch seine Gedankenfülle und blühende Sprache manchen bekannten Redner weit überragen. Hirsch ist kein geschulter Prediger, sondern ein von der Natur begabter Redner, und sich auf diese Naturgabe verlassend, arbeitet er seine Vorträge niemals aus, kennt keine schulgerechte Eintheilung, ein Gedanke muß den andern erzeugen und so wie die Improvisation nicht immer glücklich ist, wird ein Gedanke bald in die langweiligste Breite ausgedehnt, bald nur hingehaucht und daS schöfte Material oft unnütz verschwendet. Lobend anerkennen müssen wir jedoch, daß Hirsch hauptsächlich seine Thätigkeit auf den Jugendunterricht richtet und unter riesiger Anstrengung eine Elementarschule inS Leben gerufen hat, die bei der Ueberfüllung der Real- und Volksschule, die noch dazu von einem dem positiven Judenthume feindlichen Oberlehrer geleitet wird, ein allgemein gefühltes Bedürfniß war. Mehr als hundert Kinder besuchen bereits die Hirsch'sche Schule und die Frequenz nimmt täglich zu. Ueber die Leistungen dieser Schule wagen wir noch kein Urtheil zu fällen, eben so wenig über die Tüchtigkeit der auS der Fremde berufenen Lehrer, die zum Theil auS unbekannten Größen bestehen, deren Heiligenschein aber wahrscheinlich die in nächster Nähe befindlichen und eine Anstellung mit Recht erwartenden Schulmänner so verdunkelte, daß der nicht hellsehende Schulrarh sie übersah. Hirsch har sich hier einen Wirkungskreis geschaffen, der anstrengender und mühsamer als gehaltene Predigten zu ediren, aber auch belehrend ist, wenn der Erfolg dem Streben entspricht. Wir können uns hier der Bemerkung nicht enthalten, wie wahr der Midrasch sagt: s-rsansri » ms;n rotja Vr o:ie, d. h.: Wer sich mit Liebe und Eifer der öffentlichen Angelegenheiten annehmen will, darf kein Gelehrter sein. Wäre z. B. Hirsch ein Jünger der neuen kritischen Schule, so würde er sich weit mehr mit antiquarischen Forschungen beschäftigen als mit dem Jugendunterricht, eher eine Broschüre über die Beschneidung bei den Arabern schreiben, als, so wie er es wirklich gethan hat, für die Aufrechthaltung dieses Gebots kämpfen, dessen Beibehaltung in hiesiger Sradt, durch Angeberei eines gegen die Beschneidung fanarifirlen jüdischen ArzteS fast in Frage gestellt war. Wir wollen dem Leser nun noch die literarischen Erzeugnisse unserer Offizinen, in so weit sie daS Judenthum betreffen, vorführen. — Von Dr. Molitor erscheint demnächst der 4. Theil seiner Philosophie der Geschichte, die Kabbala enthaltend. Der Verfasser steht hier in geistiger Opposition mit den jüdischen Zeitgenossen, welche in den kabbalistischen Schriften Das nicht fanden, waS er zuweilen hineinlegt. — Von Herrn Dr. Krüger auS Hamburg erscheint eine neue korrekte Ausgabe deS Midrasch Rabba, welche den Anforderungen, die man an die Edition eines für jüdische Lehre und Geschichte so wichtigen Werkes machen muß, in jeder Hinsicht befriedigen wird. Der Herausgeber ist im Besitze der ersten venet. Ausgabe und eines alten handschriftlichen Midrasch, eines handschriftlichen Kom-