Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 43 (17.10.1853)
- Date
- 1853-10-17
- Page
- Seite 538 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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538 spannung und Verarmung wahrzunehmen vermeinen, welche nur traurig an sich und von noch traurigeren Folgen firr die Juden sein würde. Wir sprechen hier durchaus nicht vom religiösen Geiste: obgleich dieser stets in den Juden das Vehikel geistigen Aufschwungs und daher selbstständiger Kraft war. Sei cs, daß der große Bildungsprozeß, den unser Stamm durchgcmacht hat — denn ich spreche ja nur von den Juden in der zivilifirten Welt — zu schnell vor sich ging, und deshalb zu viel Kraft absorbirte; sei es, daß das Uebcrtrctcn in regelmäßigere Erwerbsweisen, in das allgemeine Leben den Geist minder weckt und wetzt; sei es, daß die Juden von der materiellen Richtung unsrer Zeit sich haben zu sehr übcrmannen lassen und nicht mehr im Studium der jüdischen Theologie, an welchem die ganze Masse sonst Theil nahm, ein Gegengewicht haben, das sie in trostlose Geistlosigkeit niemals hat versinken lassen — sei eS, daß alle diese Umstände Zusammenwirken, sicher ist es, der Geist, die Befähigung, die geistige Erregtheit und Erregbarkeit schwinden in der jüdischen Masse von Tag zu Tag. Gehen wir jetzt die Gemeinden durch: dieselbe Klage wird uns überall entgegcntönen, und wird nur, je nachdem der Klagende milder oder härter im Urthcilc ist, mehr oder weniger bitter sein. Sehen wir uns im Schooße derselben um, auf eine erschreckende Weise spricht sich die geistige Thcilnahmlofigkcit an Allem was nicht Erwerb und Genuß ist thatsächlich aus. Fürwahr, sehen wir uns nach dem um, woran die Juden in größerer Anzahl und nachhaltig Theil nehmen, so werden wir das religiöse Gefühl gegen ihr sonstiges geistiges Interesse noch ungemein groß sinden, so sehr es auch abgcnommen hat. Blicken wir auf die Jugend — nun, so findet dies in so ausgedehnterem Maße statt, daß wir der traurigsten Befürchtungen nicht -Herr werden können. In den Schulen macht die jetzige Jugend lange nicht mehr die glänzenden Fortschritte, welche vor drei, zwei Dezennien durchgehends bei den jüdischen Schülern noch der Fall war. Nach der Schule ist die alte Sittenstrenge bei der jüdischen Jugend so gewichen, find Sittcnvcrderbniß, Unkcuschhcit ff. bei ihr gerade so groß geworden, wie sie bei der andern seit längerer Zeit statlfandcn, und in Folge dessen wird der Geist der Jugend in sehr natürlicher Weise so arm, so arm, — daß der elegante Rock und etwas Tournüre den Mangel an allem Geist und Streben nur kümmerlich bedecken. Rechnet man hierzu, wie die jüdische Jugend sich die schmachvolle Unsitte, sich ihres JudenthumS zu schämen, noch immer nicht abgewöhnen will, und wie ihr verödetes Herz noch den einzigen elektrischen Reibcpunkt in der Prahlerei mit Irreligiosität und Atheismus findet — so find die Aussichten sehr düster. In der That wird dies traurige Folgen haben — denn eine geistlose Masse-eS wird auch selbst in materieller Beziehung schlimme Folgen haben, denn zwar hält sich in geschäftlicher Hinsicht der Geist immer etwas länger, aber auf die Dauer verliert sich auch die Elastität und Energie, die'Beweglichkeit und Kraft. Erst nimmt der Witz, dann der Scharfsinn seinen Abschied.... Allerdings wäre eS thöricht, nicht darauf zu rechnen, daß der Gang der Geschichte schon daS Seinige thun wird, und wir verweisen auf unsre obige Auseinandersetzung selbst.... Vor der Hand entbindet dies aber uns Alle nicht der Pflicht, das Mögliche zu thun, um diesen Erscheinungen unsrerseits entgegenzutteten. Bei dem Geschlcchte der Juden hängt dies ftcilich mit der Religion eng zusammen, weil diese das eigenthümliche Lebensprinzip dieses Geschlechtes ist.... Und aus dieser Erwägung ist auch unsrerseits der Versuch mit dem „jüdischen Volksblatte^ hervorgegangen. Ich erkläre unumwunden, daß ich lange gezögert, und nicht ohne Opfer an die Herausgabe gegangen bin; denn der Fortschritt deS Lebensalters — ich stehe jetzt im 41. Lebensjahre — gemahnt daran, die Kraft nicht zu zersplittern, sondern die ganze Kraft auf einige bedeutende Arbeiten zu wenden, die mir noch vorliegen, insonders eine, die schon lange mein innerstes geistiges Leben einnimmt.-Aber die Pflicht, in der Richtung, die zur Ueberzeugung geworden, zu wirken, und zu versuchen, auf angemessene Weise in daS Herz der Masse hinernzüdringen, drängte mich. Aber vor Allem gehört dazu Unterstützung. Es muß Propaganda dafür gemacht werden. Bei dem außerordentlich billigen Preise wird nirgends ein Opfer verlangt. Die Lehrer und Führer der Gemeinden müssen es sich zur Pflicht machen, die Verbreitung zu fördern, Subskribenten zu sammeln und sie einer prompten Buchhandlung zu übergeben — nur dann kann es gedeihen. Wie sich dann Eines reihet an's Andre, so können wir an das Gelingen dieses „jüdischen Volksblattes" noch Vieles knüpfen, was Geist weckend und nährend wirken wird. Darüber ein anders Mal. *) *) Die Nr. IV. von „Dogmen oder nicht?" in der folgenden Nummer. Redakt.