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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-10-10 · Heft 42 (10.10.1853) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 42 (10.10.1853)
Date
1853-10-10
Page
Seite 533 (sequence 9)
Language
German
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533 wenig enge, geschwärzte, schornsteinartige und wie Bandwürmer sich windende Gassen hat, die älteren Städten einen so düstern Charakter verleihen, sondern daß Wien meist kurze, ziemlich breite, ziemlich gerade, aber nach den verschiedensten Richtungen laufende Straßen besitzt; eben so daß die Straßen Wiens sehr belebt, aber durchaus nicht so erdrückend oder zerstoßend überfüllt find. Aber sicher liegt dem auch ein positives Element in seinen Bewohnern und Anlagen zu Grunde, die überall eine freundliche Physiognomie zeigen, z. B. die vielen Kafe's mit ihren zahllosen Tischen und Stühlen auf offener Straße, von Zelten überspannt und von Topfgewächsen umgeben. Diese „Gemächlichkeit," die nicht blos traditionell von den Reisenden aus ihren Reisebüchern überkommen wird, sondern die sich als vorherrschender Charakter fühlbar macht, dieses Flaniren und Genießen, ohne groß Aufhebens zu machen und ohne großen Aufwand von Geist und Gemüthsbewegung, habe ich in allen Richtungen wahrgenommen, und selbst im großen öffentlichen Leben, so weit hiervon jetzt überall die Rede sein kann, nachempfunden. Man lebt viel in Wien, aber der Unterschied ist, daß in Wien Alles viel lebt, wohingegen dies anderwärts nur in gewissen höchsten und niedrigsten Kreisen stattfindet; es muß in Wien ein ungeheures Geld konsumirt werden, obne daß, mit Ausnahme der Wohnung, die Bedürfnisse zu hohen Preis haben; dabei ist man aber in Wien nicht abgeschlossen, nicht eingebildet, nicht spitzfindig, nicht gesucht witzig — sondern gemächlich, lustig, närrisch, ja, wenn es sein muß, toll.... Findet der Leser es gewagt, aus einem lOtägigen Aufenthalte, noch dazu zu einer Zeit, wo 50,000 Wiener noch auf dem Lande und in den Bädern waren, solche allgemeine Beobachtungen ziehen zu wollen, nun, so nehme er es als gutgemeinte, flüchtige Zeichnungen hin, die auf einen allgemeinen Werth keinen Anspruch machen, welche also zu ihrer Vertheidigung nur daS Schild mit der Wappendevise: „So ist es mir erschienen!" Vorhalten. Am Ende find aber hauptsächlich die Freunde daran schuld, welche sich meiner so liebwerth annahmen, und mir deshalb Manches in rosigem Lichte erscheinen ließen, was eine übelgelaunte Kritik mit den Schatten der Nacht bekleidet. Ich habe meine Zeit in Wien sehr wohl benutzt. Sie wurde ziemlich in drei Theile getheilt, die eine den Freunden, die andre den jüdischen Anstalten, die dritte den allgemeinen Instituten und Partien. Gebe ich zuvörderst über das, was uns hier am meisten beschäftigt, einige allgemeine Bemerkungen. Nach autcntischen Notizen find jetzt in Wien 10,700 Juden ansässig, aber 10,000 halten sich außerdem daselbst auf, unter denen von Zeit zu Zeit eine Razzia angestellt wird, die aber nach 14 Tagen wieder erscheinen. Welch eine Umwandelung ist demnächst seit 1848 mit der wiener Gemeinde vor sich gegangen! Bor diesem Jahre an Zahl gering, seitdem durch Freizügigkeit einem Zu flu sse offen, den man sehr wohl einen Zustrom nennen könnte. Daß hiermit für die Gemeinde auch bald innerlich eine Umwandlung verbunden sein kann, daß die Gemeinde, sobald das Gesetz freien Spielraum hierzu läßt, großen Stürmen entgegengeht, läßt sich leicht voraussehen. Im Augenblicke gleicht die Gemeinde einem Bauwerk, das von einer großen Wassermasse in die Höhe gehoben wird — besitzt das Bauwerk Kraft genug, auf der Oberfläche so lange zusammenzuhalten, biS das Wasser sich gesetzt und ein natürliches Bett gefundden? oder wird eS, innerlich nur schwach zusammengehalten, im nächsten Augenblick auseinanderfallen, und eine Beute der wilden Wogen auseinandergeschleudert und dahingetrieben werden?... Die eigentlichen wiener Juden sehen sich verwundert über diese fremden Massen, die ihnen entgegentreten, an — aber sie scheinen leider! nicht Energie genug für daS Judenthum zu haben, um ein geschloffenes Ganzes zu bleiben — sie werden, wie es scheint, nachgeben, und dadurch — in sehr balder Zeit vom Schauplatz ihrer Gemeinde verschwinden .... Man mißverstehe mich nicht. Ich bin am weitesten davon entfernt, unter unseren Glaubensgenossen eine Aristokratie anzuerkennen, oder herbeizuwünschen. Ich werde dem ursprünglichen Wiener wahrlich! kein Vorrecht in der Gemeinde ertheilen wollen. Denn wer da kommt als Jude, der soll eine Gemeinde mit ganzem Rechte da finden, wohin er kommt, wie er eine solche verlassen hat, von wannen er kommt. Aber, so Jahrhunderte an dem Gebäu einer Gemeinde gebaut worden ist, so dieses in einem guten, regelrechten, jüdischen Charakter aufgerichtet ist, so bei demselben allen gerechten Forderungen, allen billigen Bedürfnissen genügt ist — so ist es gerecht, daß der Ankömmling sich diesem Bauwerk anpaßt, sich darin wohnlich macht und sich ihm anbequemt, nicht aber daß er auftritt mit der Anmaßung, das bisherige Gemeindehaus soll niedergerissen und ein neues nach der Weise, die er in seiner bisherigen Heimath gehabt, aufgerichtet werden. Und da vergesse man nicht, daß diese Ankömmlinge aus Galizien, Ungarn, Siebenbürgen, Banat, Kroatien, Mähren und Böhmen zusammenfließen, und wie es 42*

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