Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 41 (3.10.1853)
- Date
- 1853-10-03
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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von schnell lieb gewonnenen Freunden scheiden zu muffen, sondern Prag eben nur ganz äußerlich kennen gelernt zu haben. Die eigentlichen Anstalten habe ich nicht besuchen können; im Vorübergehen nur wars ich einen Blick in die Räumlichkeit der ,,israelitischen Normalschule^, von der man mir sagte, daß der merkwürdige Umstand, daß an einer jüdischen Volks- und Bürgerschule kein Hebräisch (wohl aber das Czechische!) gelehrt wird, und dies unter der Oberleitung eines so tüchtigen Hcbräres, wie der scl. Landau war-- jetzt behoben, und in Zukunft hebräisch in ihr gelehrt werden soll. Gott gebe, daß es zur Wahrheit werde! Leider! traf ich den Direktor, Herrn Winternitz, nicht in Prag, und später in Wien nur im flüchtigsten Vorübergchen. Eben so war es mir nicht vergönnt, der Herrn Professor Wessely zu begrüßen, so wie Herrn vr. L o w o si tz kennen zu lernen; doch konnte ich mich seitdem an der gehaltreichen Persönlichkeit des Letztern im eigenen Hause erfreuen. Ich habe natürlich über Prag als jüdische Gemeinde kein Urtheil gewinnen können, da ich zu kurze Zeit daselbst verweilte. Die Urtheile im Innern waren — wie überall — widersprechend, geradezu entgegengesetzt. Während man einerseits sich freute, daß in der Präger Gemeinde noch viel jüdisches Leben, noch zahlreiche jüdische Gelehrte, noch Sabbat und Fest, und dabei wenig Zank- und Streitlust, wenig Haß und Derfolgungsgeist — klagte man andrerseits über Mangel an regem Gemcindelcbcn, über JndifferentismuS, ja, namentlich bei den Geldaristokraten, Gehäsfigkeit gegen jüdisches Wesen selbst in geläuterter Erscheinung, über Mangel an Geist und Theilnahme am Geistigen. Ich konnte nur annehmcn, daß beide Aeußerungcn Platz hätten, von Beiden Etwas wahr wäre. Darin stiuimtc man überein, daß die zahlreiche und große Armuth ein Krebsschaden der Gemeinde ist, deren Hauptkräste auf Almosen verwendet werden müssen, und daß hinwiederum Wohlthätigkeir ein Grundzug des prager Juden sei. Ich erhielt z. B. die Rcchnungsablegung eines einzigen Vereines, des „Nächstenliebcvcrcins zur Unterstützung für verschämte israelitische HauSarme," der unter der Direktion des vr. meä. Kerpal steht. Derselbe hat seit seinem Bestände (1841), also in 12 Jahren 17,992 Fl. C.-M. an 5786 Verschämte zu Unterstützungen, und 8076 Fl. C.-M. zu Darlehen an 226 Gcwerbsleute und zwar letztere im Umfang von 26,068 Fl. C.-M. verwendet. Er zählt jetzt 742 Mitglieder. Unter diesen bemerkte ich den Kardinalerzbischof Fürst von Schwarzenberg Eminenz, so wie einen Herrn Grafen Thun. Auch die Einnahmen und Ausgaben des „Prager Jsraclitenspitals" von 1836 bis 1852 zeigen eine erfreuliche Steigerung, Zeugniß einer wackcrn Verwaltung. Durch eine glückliche Operation nämlich wurden die Legate, Stiftungen und Verlosungen des Spitals in Fondskapitalien verwandelt, so daß diese von 1908 Fl. C.-M. mit 64 Fl. Zinsertrag zu 10,893 Fl. mit 481 Fl. Zinsertrag stiegen. Die Einnahmen von 1836—1851 betrugen 47,000 Fl., die Ausgaben 46,300 Fl. Ausgenommen und verpflegt wurden hierfür: 3957 Personen durch 155,052 Tage. Im Jahre 1852 war die Einnahme 4770 Fl., die Ausgabe 3228 Fl. Es wurden verpflegt: 214 Personen durch 6682 Tage. Außerdem hat man bereits 9000 Fl. zum Bau eines neuen Spitals gesammelt. — Als literarische Notiz füge ich hinzu, daß Rappoport bald an den Druck des zweiten Bandes seines Erech milliu zu gehen gedenkt, wenn er nur etwas mehr durch Ankauf deS ersten Bandes unterstützt würde, und daß Kämpf mit Sammlung von Materialien zu einem sehr wichtigen Werke über das letzte Jahrhundert vor dem Untergang durch Titus beschäftigt ist. Lebe wohl, schönes Prag, und mag dir ein günstiges Geschick ein frisches, stets wachsendes Aufblühen beschieden haben! Komme ich nach einer mir ftemden Stadt und steige im Hotel ab, so ist der Besuch von Freunden nicht mein erstes Geschäft, sondern: ganz allein, ohne Führer, die Stadt zu durchstreifen, um fie in ihren Aeußerlichkeiten, nach ihrem architektonischen Charakter, nach ihrer Anlage kennen zu lernen, und fie unmittelbar auf mich wirken zu lassen. Har man nur etwas einen Plan der Stadt vorher studirt, und hat darin ein geübtes Auge ftägt auch nicht nach einigen tausend Schritten mehr, so wird man sich bald zurechrfinden. Dann aber lernt man die Stadt auch viel leichter kennen, als ob man unter freundlichet Begleitung wandert, wo man geführt wird und das Gespräch abzieht, unv dann hat man den Vortheil, die Gebäude, ohne daß man ihren Zweck kennt, auf sich Eindruck machen zu lassen. Diese Regel befolgte ich auch bei meiner Ankunft in Wien (den 25. August), und, so abentheuerlich es klingt, dieses große, mächtige Wien, das seine weißen, blanken Riesenglieder so weithin in die Ebene erstreckt, hatte ich in zwei Stunden überwunden, und es lag besiegt zu meinen Füßen. Doch wer Wien kennt, wird dies nicht unmöglich sinden. Wien selbst, die alte, innere Stadt, ist nur klein, es faßt etwas über 1100 Häuser mit 50,000