Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 41 (3.10.1853)
- Date
- 1853-10-03
- Page
- Seite 518 (sequence 6)
- Language
- German
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518 lich kein Zeichen von Leben und Rührigkeit bemerkbar war; erst durch die „länderverknüpfenden Srraßen", durch die Eisenbahn, die hier eine der bedeutendsten Stationen hat, trat der Ort aus seiner Abgeschlossenheit heraus, und der bedeutende Verkehr mit der Außenwelt, besonders mit der Residenzstadt, erzeugte auch bald eine raschere und kräftigere Entwickelung im Innern. Die hiesige Judengemeinde war eine der ersten im Kaiserstaate, die den Tempel und den Gottesdienst aus eine zeitgemäßere Weise umgestaltete, und den Wunsch nach Choralgesang und Predigt nicht lange auf die Realisirung warten ließ; wobei der talmudisch wie anderseitigisehr gebildete Rabbiner, Herr Mühlrad, nicht geringes Verdienst sich erwarb. — Nicht so leicht ging es mit der Kreirung einer Schule, die den Forderungen der Zeit und den Bedürfnissen der Gemeinde entsprochen hätte. Einige Male wurden wohl Versuche gemacht, eine jüdischdeutsche Schule zu organisiren; so unter Anderm unter dem Regime des Herrn LandrabbinerS Hirsch, wo dem als Gelehrten bekannten Herrn vr. Grätz die Oberleitung übergeben war; sie halten aber nie günstigen Erfolg, da die Sanktion der Behörden fehlte, und in der Gemeinde Parteiungen und Zwiespalt herrschten. — Ernstes Wollen und ernstes Handeln hat jedoch immer Schwierigkeiten überwunden und Hindernisse beseitigt; und da die Gemeindeglieder sich von dem Schaden überzeugten, den die Ermangelung eines zweckmäßigen Gesammlunterrichtcs, vorzüglich in religiöser Beziehung, aus die Jugend ausübte; so einigten sie sich in ihren Wünschen; und es ward dem biedern und thalkräftigen Bürgermeister, Herrn Rosenbaum ermöglicht, vor 3 Monaten mit Bewilligung der betreffenden Behörden eine jüdisch-deutsche Trivialschute inö Leben zu rufen, die um so mehr zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, als die Leitung derselben einem tüchtigen Lehrer, Herrn Karl Saphier, übergeben wurde, der schon an großen Schulen, wie in Preßburg, Agram und Papa als Oberlehrer segensreich gewirkt. Schon bald nach dem Entstehen harre die Gemeinde Gelegenheit, sich von den überwiegenden Vortheilen eines geregelten Instituts zu überzeugen. Den Anlaß hierzu bot die Geburtstagsfeier Sr. Majestät des Kaisers am 18. August. Die Feier in Schule wie Synagoge war eine höchst würdige und eindrucksvolle, die ich gern näher beschreiben möchte, wenn diese Blätter den Raum dazu besäßen. Heute erlaube ich mir nur noch die Bemerkung, daß cS für die Hebung der bestehenden Schulen, für die Einführung zweckmäßiger Lehrbücher sehr gedeihlich wäre, wenn sich Lehrerkonfecenzen in Brünn oder Nikolsburg bilden würden, wobei sich vorzüglich Männer wie Herr Stöffel, Religionslehrer in Brünn, Herr Bondi in Pohrlitz und andere anerkannte Pädagogen ein bleibendes Verdienst erwerben könnten. Großbritanieu. London, im September. Der hierarchische Geist hat hier wieder einmal ein Spektakelstück ausgesührt, um fein Müthchen zu kühlen. Er hat einen seiner alten Kniffe angewendet, um Streit zu säen, wo der Friede geblüht. Er hat wieder einmal gezeigt, daß er nichts vergißt, daß er immer wieder versucht, waS ihm schon mißlungen ist. Vielleicht erinnern sich die . Leser, daß im Jahre 1542 sich eine Zahl sehr achtbarer englischer Israeliten zu einer besondern Synagoge (Westend oder Burtonstreet) verbanden, welche für die zweiten (als unmosaischen Festtage den Gottesdienst aufgaben, am Sabbat den Gottesdienst um 10 Uhr Vormittags begannen, einige Piutim entfernten, sonst aber auch nicht das Geringste am Gottesdienste und dessen Satzungen und Formen änderten. Dafür erließ der damalige Oberrabbiner.Hirsche! einen Cherem über sie, der aber nichts als ein Stück Papier blieb. Nachdem Hirschel gestorben und vr. Adler sein Amt angetreten, sucht dieser die Sache von einer andern Sette anzusassen: im Jahre 1846 wollte er ein Paar nicht trauen, bevor nicht Hie Braut, die zur Burtonftreetgemeinde gehörte, einen Revers unterschrieben, baß sie diese Synagoge nie wieder betreten, und sich „fortan als ein gutes jüdisches Frauenzimmer betragen" wollte. (S. Nr. 12 u. 13 dieser Ztg. Jahrg. 1546). Das arme Mädchen mußte sich fügen. Aber die Sache machte ungeheures Aufsehen, eS war dies keine bloße Form, eS war ein Interdikt auf die Verheirathung mit Mitgliedern aus der Burtonftreetgemeinde gelegt. Und siehe! vr. Adler mußte klein beigeben, oder gab klein bei, denn am 12. August desselben JahreS traute er ein sehr reiches Fräulein aus der Burtonstreetgemeinde, ohne einen Revers zu fordern und zu erhalten (s. Nr. 39 d. Ztg. 1846). — WaS so von geistlicher Seite mißlang, sucht jetzt die weltliche Macht