Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 41 (3.10.1853)
- Date
- 1853-10-03
- Page
- Seite 514 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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514 13 Glaubensartikel des Maimonides in das Gebetbuch aufnahm: so nahm sie diese doch sogleich in zwei Gestalten, die in sehr wesentlichen Punkten von einander abweichen (Vw und •prsra s. Nr. 41. Jahrgang 1845 S. 621 ff.), friedlich neben einander auf, und reihte fie niemals unter die „Pslichtgebete" ein. Demungeachtet ist es nur lächerlich, und kann nur auf arger BegriffsverwechSlunz beruhen, wenn man behaupten will, das Judenthum habe keine Dogmen, oder habe nur das eine Dogma: das Dasein und die Einheit Gottes. Als der Talmud sagte, daß der Jude, so lange er sich mit 78112'» TES5 für übereinstimmend erkläre, als Jude anzusehen sei, hat allerdings dieses Dogma sür den Kernpunkt, für den Eckstein des Judcnthums bezeichnen wollen, aber hat eben so wenig wie Hillel, als er „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" für das Kerngebot erklärte, sagen wollen: weiter lehrt, und weiter befiehlt das Judenthum nichts. Was heißt Dogma? Eine religiöse Lehre, die, von der Reflexion erfaßt und durcharbeitct, sich als bestimmter Begriff hinstellt. In der Religion ist demnach Alles Dogma, was in ihr, unterschieden von Symbol und Zeremonie, als bestimmte Lehre sich begrifflich ergiebt und ausprägt, In so fern eben die Religion selbst die Beweisführung für ihre Lehre nicht übernimmt, sondern diese dem Menschen überläßt, sind die Lehren der Religion Dogmen, sobald diese Lehren nicht mehr als Inhalt des Symbols und der GeschichtSerzählung, als Bedeutung der Zeremonie, sondern als Verstandesbegriffe auftrcten. Der gesammte Lehrinhalt der Religion, in Begriffe gefaßt, ist Dogma, und die Darstellung dieses gesammten Lehrinhalts ist die Dogmatik. DaS Judcnthum hat also Dogmen, weil es Lehren enthält, und Alles was es begrifflich lehrt, ist Dogma. DaS Judcnthum ist aber auch ein in der Zeit sich entwickelndes gewesen und ist dies noch. Zunächst war es das mosaische, dann das prophetische, dann das sonstig biblische, wie es in den Chetubim (Hagiographen) sich aufbaut. Hierauf ermittelt sich das sogenannte traditionelle Judcnthum, wie cs in Midrasch und Talmud sich gestaltet; alsdann das rabbinische Judcnthum in seinen sehr verschiedenen Phasen, das kabbalistische zur Linken, das rein halachischc zur Rechten, das (spanisch-) religionsphilosophische in der Mitten. Und Niemand wird es leugnen, daß seit Mendelssohn eine neue Entwicklung begonnen, die schon sehr deutlich sich abtrcnnendc Perioden zeigt. Diese verschiedenen Entwickelungen sind immer neue Erzeugnisse des innersten, vom GvtteSzeiste beseelten Wesens des JudenthumS unter der Einwirkung der Geschicke, Zeitverhältniffe und Zeitbildung Israels*). Alle diese Entwickelungen haben daher eben so wohl eine Einheit, tragen in ihrem Innersten ein Einiges, 'darin fie Alle Übereinkommen, als fie dennoch sehr verschieden an Gehalt und Gestalt find. Denn in diesen einzelnen Entwickelungen treten neue Dogmen auf, welche in den früheren theilS noch gar nicht, theils in Keimen gegeben waren, theilS verschwinden alte, nachdem fie im Bewußtsein verblichen, zuletzt erloschen. So tritt das mesfianische Dogma erst bei den Propheten auf, so erweitet sich das Dogma von der nationalen Zukunft bei den späteren Propheten zu einer menschengeschlechtlichen; so tritt das Dogma von der Unsterblichkeit erst in der spätern biblischen Zeit, das Dogma von der Auferstehung erst in der nachbiblischen Phase als bestimmtes Dogma hervor. Aber eine Einheit hat dieses Judenthum in allen seinen Phasen, theils weil es naturwüchsig eine einheitliche, historisch ununterbrochene fortgewachsene Erscheinung ist, theils weil es auf dem einheitlichen Grunde der Tora, später der ganzen Bibel emporgewachsen ist, und von diesem Grunde niemals getrennt und losgerissen werden kann. Hierbei ist aber wohl zu bemerken, daß, wenn, wie wir freudig Zeugniß geben, das Judenthum seine Einheit in dem unwandelbaren Felsengrunde der heiligen Schrift hat, wir dennoch nicht zu diesem Grunde allein zurückkehren, und die ganze Entwickelung vom Abschluß der Bibel an ignoriren und durchstreichcn können und wollen. Dies wäre eine, noch dazu unnütze, und wenn wir es recht bedenken, unmögliche Selbstverleugnung; dies hieße, seinen Ururgroßvater Vater nennen, und alle Mittelglieder, deren Erzeugniß wir sind, verleugnen. Und ich sage „unmöglich" — denn wer will leugnen, daß jede Zeit sich auch in ihrer Eregese der Schrift abspiegelt, und alle Zeiten Manches, oft gar Vieles in die Schrift hineingctragcn haben, was mit Nichten darin steht.' Das Judenthum daher als „die aus der heiligen Schrift geschöpfte Lehre" zu dcfiniren, ist einseitig, ist unrichtig. Allerdings werden wir unsre religiöse Ueberzeugung üetS dadurch rektifiziren. *) Denn wer könnte verkennen wollen, daß die Propheten ganz anders gesprochen hätten, wenn fie nicht ein zerrissenes, abtrünniges, religiös-sittliches immer mehr verfallendes, und zwischen die streitenden Weltdynastien gestelltes Israel vor sich gehabt hätten? Wer kann verkennen, daß der Talmud ein ganz andres Resultat geworden, wenn er während eines im heiligen Lande bestehenden Judas elaborirt worden wäre? Und so fort.