Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 39 (19.9.1853)
- Date
- 1853-09-19
- Page
- Seite 496 (sequence 10)
- Language
- German
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406 nach der Station Rostok hin wechselnde Ansichten, welche die Spannung deS Reisenden zu erhalten vermögen. Die Zeit vergeht schnell, und schon nahet man sich der alten Libuffenstadt, auf hoher Eisenbahn über ein ganzes nieoeres Stadtviertel setzend. Wenn man so in kürzester Zeit 57 Meilen in die Ferne versetzt ist, und sich vom Gewühle eines Bahnhofes bei der Ankunft eines bedeutenden Zuges umgeben steht — wie erquicklich ist es da, aus der Mitte der gleichgiltigen Menge eine bekannte freundliche Gestalt hervortreten und sich herzlich begrüßt zu sehen. Diese Freude war auch mir beschieden, indem der Herr Rabbiner und Prediger S. Kämpf in gastfreundlichster Weise mich erwartete, mich im Wagen schnell der Stadt entführte und in den reizendsten Park versetzte, wo derselbe mit seiner liebenswürdigen Familie seine Sommerwohnung genommen hatte. Eine besondere Vergunst aber war es, daß in demselben Garten, wenn auch in einem andern Gebäude, der Oberrabbiner Herr Rappoport wohnte. So war es mir gegeben, schon den ersten Nachmittag meiner Reise in der Gesellschaft zweier solcher Männer zuzubrinzen'. Ich gestehe offen, daß mich die eben so ehrwürdige wie liebenswürdige Persönlichkeit Rappoports außerordentlich fesselte. Diese hohe Greisengestalt mit regelmäßigem, blühendem Antlitz, langen weißen Locken und Silberbarte; das erstaunliche Wissen, welches Rappoport sich auch auf außertheologischen Gebieten gesammelt, und das im Gespräche in tausenderlei Notizen durchschimmert, die heitere Laune, der Witz, all Dies macht eine so erfreuliche Erscheinung, daß man ihrer sicher lange Zeit gedenken wird. Sehr angenehm und rühmenswerth ist das schöne Verhältniß zwischen den Herren Rappoport und Kämpf, das sich in amtlicher und sozialer Beziehung bewährt, und welches nicht minder für die Gemeinde gedeihliche Früchte tragen muß. Prag macht einen außerordentlichen Eindruck auf den Fremden. Wenn dieser auf den herrlichen „FranzenS- Quai", zur Rechten die prächtige Häuserreihe, unter dem Schatten der Allee Stellung faßt, vor sich die wogende Moldau, und fein Blick streift über die mir wundervollem Grün bekleideten Sophien- und Schützeninseln, folgt der merkwürdigen Kettenbrücke, die über die Schützeninsel hinweg zur ,,Kleinseite" führt, erhebt sich am Lorenzoberge bis zu dessen von der weithinfchauendcn Lorenzkirche gekrönten Gipfel, rückt dann über die berühmte Karlsbrücke hinauf zum Hradschin, auf dem sich die k. Hofburg mit dem mächtigen Dome, der erzbischöfliche, der Schwarzenbergische Palast u. s. f. erheben, und ruht zuletzt auf dem rebenbcpflanzten Belvedere — so trägt er ein Bild mit sich von dannen, wie wenige Städte, wie Wien es nicht bietel. — Ich besuchte die Stadr zuerst von der andern Seite. Aus dem Garten zur Bastei über dem Roßthor gelangt, wo die schönsten Aussichten auf die Umgebungen, namentlich den weißen Berg, woselbst Schwerin fiel, mir Gartenanlagen abwechseln, hinunter zum „Graben", dem nobelsten Stadttheil, gestiegen, am Pulverthum vorüber, durch die Zeltnergasse, über den großen Ring mit dem berühmten Rathhause, kam ich zur „Judenstadt", jetzt „Josephsstadt" genannt. Es ist bekannt, daß seit 1848 diese nicht mehr ausschließlich von Juden bewohnt wird, d. h. eS wohnen jetzt viele Juden in den übrigen Stadttheilen, und es wohnen bereits Christen, namentlich Handwerker und Krämer, in der Judcnstadt. Eben so bekannt ist es, daß somit die Anschließung faktisch besteht, während man über die Abfindungssumme noch immer nicht in's Reine gekommen ist. Wir mögen uns daher die Beschreibung dieses Stadttheils als „Judenstadt" ersparen; genug diese auf 16 Joch 277 Häuser mit mehr als 6000 Menschen tragende Stadt, wo öfter ein erbärmliches Bauwerk über 12 Eigenthümer hat, gehört sicher zu den Monumenten, die uns stündlich zurufen: Seid froh, daß das Mittelalter vorüber ist! Beim Eintritt in die Judenstadt fällt es Einem auf, daß der „Tempel" auf christlichem, während eine katholische Kirche gegenüber auf dem jüdischen Grunde steht. Der Tempel, in dem bekanntlich seit 1837 ein verbesserter Gottesdienst gehalten wird, während die übrigen neun Synagogen noch ganz dem alten Kultus gewidmet find — ohne daß jedoch darum der Tempel den übrigen Synagogen feindlich gegenüber stände, und nicht auch von den Orthodoren besucht würde — ist auch schon ein mehrere Jahrhunderte altes Gebäude, indem eS ftüher eine portugiesische Synagoge war. Er ist in seinem Schiff immerhin elegant, aber die beiden Seitentheile sehr gedrückt, und das Ganze von Sitzen so voll gedrängt, und selbst für Tribüne und Lade so wenig Raum gelassen, daß man sofort erkennt, wie er für das Bedürfniß zu klein geworden. Es ist abzusehen, daß dies immer mehr zunehmen wird, je mehr die Jugend diesem Gottesdienste zuwächst, und, da es ein schrecklicher Gedanke ist, wie dadurch der Aufenthalt im Gotteshause unangenehm werden müsse, und wie vielen Abbruch ein so überfüllter Raum mit seinen Wirkungen der Andacht und Erbauung thut, so möchte der Wunsch eines NeubauS sehr nahe liegen, da man schwer-