Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 39 (19.9.1853)
- Date
- 1853-09-19
- Page
- Seite 495 (sequence 9)
- Language
- German
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495 Korrespondenzen. Neifeberichte. Magdeburg, 9. September. So wohl es Einem auch in der Heimath ist, so viele theure Herzen man daselbst besitzt, so viele geliebte Personen und werthe Gegenstände, von Lenen auf lange Zeit die Entfernung, ein trauriges Geschick wäre: eine zeitweilige Reise nach Ländern, die man noch nicht betreten, nach Städten, die man noch nicht gekannt, ist nicht blos ein Vergnügen, eine Erholung, sie ist ein Bedürfniß, um die in ihrem gewohnten Gange einrostenden Räder des Geistes zu beleben, um den in dem begrenzten Gesichtskreise der Heimath sich abstumpfenden Blicken neue Schärfe zu verleihen, um wieder einmal einen größern und höhern Maßstab für die Anschauung und Beurtheilung zu gewinnen. 3ch bin daher überzeugt, daß viele meiner werthgeschätzlen Leser sich mit mir freuen, daß ich die Zeit gewinnen konnte, noch vor dem Ende des SommerS eine Reise nach Prag und Wien zu unternehmen. Freilich waren es nur 14 Tage, die mir gegönnt waren; die schöne und angenehme Pflicht, an bestimmten Tagen (am 21. August und 6. September) Paare in sehr achtbaren und befreundeten Häusern zu einem, mit Gottes Hilfe glücklichen Eheleben einzusegnen, schränkte die Zeit in unverrückbare Grenzen ein — allein ein Thor, der darum nicht genießt, was ihm gestattet ist, weil ihm nicht mehr gestattet ist.'... Ich begab mich daher mit fröhlichem Herzen, mit angenehmen Erwartungen auf die Reise; und da mir ein Gottessegen, für den ich täglich dem Herrn danke, einen frischen, wohlgemuthen Sinn verliehen hat, der sich mit Freuden des Besten bemächtigt, was sich ihm darbietet, und zu aller Zeit das Herz offen hält für das Schöne und Gute, um eS ungetrübt auf- und anzunehmen; und da mir ein güttgeS Verhängniß gegeben hat, nicht in frühen Jahren Alles genoffen zu haben und in späteren Jahren an Uebersättigung zu leiden — so kann sich der Leser vorstellen, daß den kurzen Schmerz der Trennung die beste Laune schnell überwand. Ich will nun dem theilnehmenden Leser gleich im Voraus sagen, daß diese gute Laune auf der ganzen Reise auch nicht durch das Geringste gestört ward; daß vom Hause immer die besten Nachrichten einliefen, daß das Wetter bis auf den letzten Tag günstig war, daß ich faffc Alle, die ich tteffen wollte, zu Hause fand, daß keine Partte zu Wasser ward, daß ich von meinen Effekten fafl nichts verlor, und daß ich nirgends übettheuert ward. Ich frage meine Leser, ob eS etwas Günstigeres für eine Reise giebt.... Ich bilde mir ein. Viele meiner theueren Leser setzten voraus, daß ich ihnen Einiges über meine Reiseerlebnisse mittheilen werde. Ich aber setze voraus, daß sie eben so wenig eine vollständige Reisebeschreibung erwarten, als wiederum, daß ich mich ausschließlich mit jüdischen Dingen befasse. Vielmehr überlasse der Leser es mir ganz allein, was ich ihm auflischen möge — und was könnte er auch dagegen thun, als — meinen Bericht überschlagen, und diesen Kummer thut er mir nicht an. Daher nur frisch gewagt. Der Leser weiß, wie man jetzt von einem Punkte der Erde zum andern geschleudett wird. Abends um 6 Ubr abgercist, um Mitternacht im schönen Elbathen (Dresden) Morgens von da sott, und um 2 Uhr Mittags in — Prag. Aber in der That diese Fahrt von Dresden nach Prag fühtt durch ein Paradies, das Elbthal bietet der Schönheiten ununterbrochen die größten dar, und auch das Moldauthal entfaltet mannigfaltige Reize. Diese Windungen um den Fuß der Berge und Felsen dicht am Rande des SttomeS, wo bald durch Dämme dem Flusse, bald durch Sprengungen oder Tunnels dem Felsen ein Raum abgewonnen werden mußte, mit der Aussicht auf das breite Silberband des Stromes, auf die theils nackten Sandsteinfelsen und Dasaltkuppen, theils bewaldeten, oder mit Weinreibcn bepflanzten Berge, überall mit Menschenwohnungen durchsäet, die mit ihrem Hellen Anstrich und ihrer rothcn Bedachung reizend vom grünen Hintergründe abstechen, bald auch zu Dörfern, bald zu Städten anschwellen — welche Abwechselungen! Wenn auf der einen Seite die Mauern des Schlosses Sonnenstein düster herabschauen — denn hinter ihnen befindet sich eine große Zahl Geistesirrer, die doch nur bisweilen einer von ihnen selbst nicht erwarteten Heilung entgegengefühtt werden — wenn auch die unersteiglichen Wälle der Festung Königsstein, kühn auf die steilsten Felswände gestellt, just nicht die angenehmste Gefühle erwecken — sieh, dort springt das mächtige Schloß zu Tetschen mit seinem schlanken Thurme auf der Höhe weit in den Fluß hinaus, und schließt mit dem Gebirge im Hintergründe, mit dem tunneldurchbrochenen Felsen im Vordergründe, mit dem scheinbar wie ein See abgeschlossenen Flusse in der Mitte, ein hinreißendes Gemälde ab! Weniger ergreifend sind die Szenen deS Moldauthales; aber auch da geben Berge, Felsen und Sttom bis 39*