Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 39 (19.9.1853)
- Date
- 1853-09-19
- Page
- Seite 488 (sequence 2)
- Language
- German
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488 fein vermögen, noch dazu in unsrer Zeit, in welcher die Idee so wenig Herrschaft über den Menschen hat — als daß wir nicht zu der Ueberzcugung kommen müßten: ja, wir müssen konserviren was sich konserviren läßt, was des Konservirens fähig, d. h. werth ist. Aber gerade dieselben Erfahrungen lehren uns: daß die Stabilität, daß das fanatische Festhalten der unermeßlichen überkommenen Formen des JudenthumS ganz fälschlich konserviren heißt, daß damit dem reißenden Verfall des äußern Lebens des JudenthumS nur Vorschub geleistet wird. Im Grunde ist es nur eine sehr kleine Zahl, die in der That nicht reformiren. Denn man sehe diese sehr konservativen Herren nur ihre Kinder in die Gymnasien und öffentlichen Schulen schicken, und in tausenderlei Dinge unterrichten lassen, die mit dem überkommenen Judenthum ganz unverträglich find, um zu erkennen, daß diese Leute an ihren Kindern eine unermeßliche Reform mit eigenen Händen vornehmen. Es ist wieder einmal ein Hinken auf zweien Seiten. Für ihre Personen, salviren fie sich, oder wollen sich den Heiligenschein zulegen, für die Jugend reformiren sie. Nein! so Nvth das Konserviren, eben so Noth thut das Abklären des jüdischen Formenwesens, und, gerade indem wir jedem vorschnellen und überstürzenden Refornriren entsagen, werden wir nicht müde, immerfort darauf zu dringen, die Formen des Judenthums abzuklären, die Überhäufungen und Zusätze und Entstellungen zu entfernen, und das Dauernde und Werthvolle vom Temporären und Oertlichen immer mehr zu trennen. Also konserviren und auf dem geschichtlichen Boden beharren, aber ab klären und verklären die äußere Erscheinung des Judenthums — daS ist der erste Artikel unsers Programms. Der zweite Artikel lautet: wecket das geschichtliche Bewußtsein im Juden, wecket und belebet es mit aller Macht! Auch hier rächt sich frühere Vernachlässigung. Jene Rabbinen der letzten Jahrhunderte, die sich mit nichts als Pilpul und haarspalienden Kasualfragen beschäftigten, fie haben auf eine schauderhafte Weise das geschichtliche Bewußtsein im Juden vernachlässigt, im Juden, der doch nichts als ein großes Stück Geschichte ist; freilich, weil sie selbst nichts davon hatten, also es auch nicht geben konnten. Ja, der Jude muß wissen, wer er und was er in der großen Geschichte der Menschheit ist, waS er durch die Zeiten getragen und mit welchen Opfern, was er geschaffen und gewirkt, und waS er noch soll, jetzt und in zukünftiger Zeit! In diesem Wissen allein liegt die Bedingung seines Bestandes; vor diesem Wissen kann die ungeheure Erschlaffung des jüdischen Geistes weichen; vor diesem Wissen wird die entehrende Scham, Jude zu sein, schwinden; durch dieses Wissen wird der Jude sich neu an seine Religion gebunden fühlen. Und gerade in diesem Sinne ist der höchste und wichtigste Artikel: schaffet so viele konkrete Institute für das Judenthum, für die jüdische Masse wie möglich! Schöne Synagogen bauen, ist gut, aber lange nicht das Beste. Denn sehr oft stehen fie bald nach der Einweihung das ganze Jahr leer. Aber Schulen, Seminarien, Krankenhäuser, Alterversorgungskassen, Hilfs- und Leihkassen schaffet, so viele Ihr nur vermöget, nehmet die Summen der Reichen und die Pfennige der Armen hierzu, damit die jüdische Wohithatigkeit, die ehemals auf den Einzelnen sich richtete, jetzt in großartigen Schöpfungen sich manifestire, und damit bei der Richtung der Zeit auf kirchliche Absonderung nicht der Jude allein sich rath- und hilflos sehe. In der That, es ist eine Zeit, wo die Errichtung einer solchen Anstalt mehr als der Bau eines Gotteshauses, und die Zusteuer zu solchen Stiftungen mehr als die prächtigsten 'cnp ■'rs sind. So lautet unser Programm. Seine drei Artikel sind einfach!und faßlich. Dies haben wir überall auf jene, oben gedachte Frage, geantwortet, und wir fanden vollen Wiederhall in den edelsten Geistern und in allen Beobachtungen der Zustände. Dies haben wir zu verfolgen — alle weiteren Fragen sind unnütz. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Frankfurt, 26. August. Zu welchen Scheußlichkeiten religiöser und namentlich ultramontaner Fanatismus führen kann, erweist unö neuerdings wieder die „Deutsche Volkshalle" durch beifällig mitgetheilte Nachrichten aus einem berüchtigten italienischen Blatte, nach welchem in Piemont Priester „christlichen Frauen verbieten, jüdische Kinder zu stillen," diese armen Geschöpfe, also zum Hungertode verurtheilen, wo (wie häufig der Fall ist) eine jüdische Säugerin nicht zu haben ist. Der Korrespondent ist sehr aufgebracht über das menschlicher fühlende Volk Piemonts, weil es diesen und ähnlichen Unfug