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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-09-12 · Heft 38 (12.9.1853) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 38 (12.9.1853)
Date
1853-09-12
Page
Seite 482 (sequence 10)
Language
German
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482 gelernt hatte, auch Kenntniß zu nehmen von der liturgischen Praxis einer Stadtgemeinde von gleichem religiösen Streben. Es ist nicht anders zu erwarten, als daß in einer Gemeinde, wie die stankfurter, die eine so große Zahl jüdischer Glaubensgenossen zählt, nicht Alles unter einen Hut zu bringen ist. Frankfurt ist zudem mehr, als irgend eine andere Stadl Deutschlands, den religiösen Strömungen entgegengesetzter Richtungen auSgesetzt. Die Fremden strömen immerwährend ab und zu. Die Niederlassung derselben auf längere Zeit, ist sehr leicht, und wird davon ein ausgedehnter Gebrauch gemacht. So findet die Orthodorie aller Nüancen so wie die freiere und die freieste Richtung immer neuen Zufluß. Der Umstand, daß der Stamm der Orthodoxen hier sehr reich ist — unter ihnen strahlt A. M. v. Rothschilds goldner Stern, — der weitere Umstand, daß die frankfurter Orthodoxen, wie die Orthodoxen aller Welt und aller Religionen, die Bekenner einer freier« Richtung zu verfolgen und die, so fich zu ihrer Farbe halten, besonders zu unterstützen, immer bereit fich halten: fuhrt eine Menge armer Schlucker und verkommener Menschen aller Art in ihr Lager, von welchen schon Mancher nach einer Reihe von Jahren zu Rcichthum und Glück gelangte, und in einem reichen Orthodorenmädchen den Lohn seines Glaubens fand. — Auf der andern Seite lagert nicht minder um einen Kern für eine rein vernünftige Auffassung und Bethätigung deS jüdischen Glaubens begeisterter Männer eine dicke Schale solcher Glaubensgenossen, die von dem Juden weiter nichts haben, als den Namen; Menschen, deren Gott das Vergnügen und der Genuß ohne Wahl ist. So konnte eS kommen, daß der dortige Vorstand aus den Männern der freien Richtung hervorgehen mußte, da er nicht blos die Stimmen der fortschrittfreundlichen Juden, sondern auch die Stimmen derer erhielt, die Feinde alles Positiven find, das fich ihrer frivolen Ungebundenheit entgegenstellt. So mußte es aber auch kommen, daß der Vorstand zwar die öffentliche Autorität bildet, und als solche in der Hauptsynagoge, der sogenannten Auschul, sein Lager aufgeschlagen, den Gemeindehaushalt besorgt, die Gemeindebediensteten anstellt und entfernt rc. rc.; wo er aber moralisch wirkend auftreten will, wo eS gilt, durch das Eintreten seiner Gemeinde en Masse 511 imponiren und seinen Thaten den Stempel der Popularität zu verleihen, fich verlassen und vereinzelt sieht. Der religiöse Fortschritt hat mithin in Frankfurt einen jüdischen Generalstab, aber kein stehendes Heer. Dieses muß, wie weiland im deutschen Reiche, für einen jeden Römerzug, besonders aufgeboten und zusammengebettelt werden. Die Orthodoxen hingegen bilden eine immer schlagfertige Glaubensarmee, die, wenn sie auch seit geraumer Zeit dort nur Niederlagen zählte, so oft eS zur offenen Feldschlacht kam, doch den Guerillaskrieg mit Glück und Geschick und ewig jungem Fanatismus fortsetzte. Aus freiwilligen Beiträgen besolden sie einen Rabbinen ihrer Farbe mit 4000 Fl. pr. Jahr. Den Verlust der Hauptsynagoge zu ersetzen, bauen sie fich jetzt eine neue Synagoge mit ungeheuren Kosten. Rothschild allein steuert dazu 70,000 Fl. Mittlerweile find alle übrigen Synagogen Frankfurts von ihnen srequentirt, woselbst der Baum der Lirurgie mit allen seinen Auswüchsen und verdorrten Theilen gepflegt wird. Nur in der Hauptsynagoge hat der Vorstand, unterstützt vom Rabbiner Stein, dem reformatorischen Drange der Zeit Raum schaffen können. So war es denn natürlich, daß ich zur Erfüllung meiner Sendung nur diese besuchen zu müssen glaubte. So betrat ich denn dieses Gebäude, das mir, als ich noch dortselbst den rabbinischen Studien oblag, als eins der bestaubtesten und unordentlichsten bekannt war, das in Israel gottesdienstlichen Zwecken diente. Jetzt fand ich es von hundertjährigem Schmutze gereinigt, die Wände geweißt, den Almemor beseitigt, die gichtbrüchigen, beweglichen Ständer entfernt. An der Stelle derselben waren schöne Pulte angebracht, sämmtlich nach Osten gerichtet. Mitten durch dieselben führt ein Weg — theilweise mit Kistenbrettern gedielt, wohl um die kaufmännische Basis der Gemeinde symbolisch anzudeuten — nach der heiligen Lade, vor welcher auch die Verrichtungen vorgenommen werden, die sonst auf dem Almemor fiattfinden. Auf der Südseite befindet fich die sehr schön gearbeitete Kanzel. — Der Eintritt in dieses Gebäude macht namentlich am Freitagabend bei voller Beleuchtung, wenn man so eben mitten aus dem lärmenden Gewühle und Gedränge j^der Straßen kömmt, einen sehr freundlichen Eindruck. Die Räume desselben find für eine so große Gemeinde gemüthlich beschränkt. Nichts imponirt an ihm, als die Erinnerung seines hohen Alters und seine Bedeutung im alten Judenthum. Der freundliche Eindruck wird aber bald gestört, wenn der zweite Vorbeter bei dem Vespergebet seine ungeschlachte Stimme laut werden läßt. Der erste Vorbeter, auch noch, wie der zweite, ein Jnventarstück der alten Synagoge, der den Dortrag des

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