Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 38 (12.9.1853)
- Date
- 1853-09-12
- Page
- Seite 481 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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481 hervorgehend, keineswegs physiologisch begründet find, so find doch die meisten erfahrungsmäßig und mit bewunderungswürdiger Subtilität geht der Talmud oft ins spezielle Detail ein. W. hat fleißig gesammelt, kommentirt meistens lichtvoll, wenn auch zuweilen gezwungen, und ordnet das Ganze vortrefflich. ES wird in den einzelnen Abschnitten von reiner, temporirter Luft (mit Berücksichtigung der Bauart der Alten, des Klima's, der Winde u. s. f.), von Reinlichkeit und Bädern (den hohen Werth der Reinlichkeit für die moralische Reinheit erkennt Talm. Tr. Sora 49: ■’-pb rwan rrrp:); die Bäder werden von ihm trefflich gewürdigt und selbst die Kraft der kalten Begießungen in der Vorschrift anerkannt : „Wer ein warmes Bad genommen und sich nicht unmittelbar darauf mit kaltem Wasser übergoffen, gleicht einem Eisen, welches im Feuer erglüht, aber hernach in Wasser nicht erhärtet worden ist. (1eru8ed. Abod. sar. 5, b); von regelmäßiger Leibesöffnung, Keusch'heit und Mäßigung im ehelichen Umgänge, körperlicher Bewegung, GemüthSbewegung, Schlaf, Nahrung (mit Berücksichtigung der Speisegesetze, wo der Verf. meistens mit Trusen übereinstimmt) und von der diätetischen Pflege der Neugebornen, gehandelt. Wir müssen über alle diese Gegenstände den Leser auf daS Werk selbst Hinweisen, der Talmudfteund wird hier eine wissenschaftliche Deutung vieler schwieriger uud auffallender Stellen (z. B. Leracdot, 15 '151 inaa ■jmrii) finden, der Historiker Anhaltspunkte zur Beurtheilung des Geistes der damaligen Zeit, besonders ihrer Naturanfichten, und selbst der für seine Gesundheit Besorgte eine Menge zwar minutiöser, aber dennoch praktischer Vorschriften. DaS dritte Heft enthält: die Pathologie und Chirurgie der alten Israeliten. In der Bibel sowohl als im Talmud find nur sehr wenige Krankheiten namhaft gemacht und unter diesen wenigen ist nur der Aussatz einigermaßen ausführlich erörtert worden, weshalb der Leser sich mit wenigen Notizen begnügen muß. Ueber daS Wesen der Krankheit kann man am allerwenigsten wissenschaftliche Erörterungen finden, da selbst neuere Pathologen in ihren Definitionen schwankend find, Krankheit den Hebräern nur ein unmittelbar von Gott zur Strafe verhängtes Uebel war. In Hinsicht der Krankheitsursachen findet man im Talmud eine Anlehnung an die Galenischen Grundsätze über die Elementarsäfte. Wenn Abnormität der Galle lediglich als Krankheitsursache vom Talmud angenommen oder die schlechte atmosphärische Luftströmung alS Grund der Krankheiten angegeben wird, so ist dies zwar eine Einseitigkeit, aber richtig ist darin schon die Erfahrung niedergelegt, daß die meisten Krankheiten ihren Ursprung dem atmosphärischen Leben als morbi statiooarii verdanken und am allerhäufigsten in der Form von Lebererkrankungen (Gastrosen) erscheinen. Von Krankheitsformen werden berücksichtigt: der Aussatz, bösartige Geschwüre, chronische Ruhr, Hämorrhoidalkrankheit, Krankheiten der Genitalien, Biß giftiger Thiere, Podagra. Es ist hier deS antiquarisch Merkwürdigen auS der talmudischen Literatur, freilich nur in gedrängter Kürze, sehr viel aufgespeichert und ergänzt die Trusen'sche Darstellung, die meistens andere Formen (die biblischen), aber auch diese besser, behandelt. Dagegen wird hier die B e- 'chneidung in der Chirurgie auf 20 Seiten ausführlicher betrachtet, die biblische, symbolische, negative, nationale, soziale und medikale Deutung angeführt, ohne sich für eine bestimmt auszusprechcn, und die Operation selbst lichtvoll geschildert. Höchst dankenswerth find die Mittheilungen aus dem Talmud über Kaiserschnitt und Gastrotomie in den geburtshilflichen Operationen. Die Geschichte der Geburtshilfe und anderer chirurgischer Operationen wird hier eine neue Quelle finden, da den bisherigen Forschern das dornenvolle Gestrüpp, durch welches der Weg zum Talmud geht, wohl nicht zugänglich war.*) Dr. med. Philippson. (Schluß folgt.) Korrespondenz. Knltnsreforrn.**) Lengsfeld, im August. Der Aufforderung deS großherzoglichen LandrabbinatS zufolge begab ich mich nach Frankfurt a. M., um dort, nachdem ich in Waldorf die gottesdienstliche Einrichtung einer dem Fortschrttte fteundlichen Landgemeinde kennen *) Selbst in den neuesten geburtshilflichen Schriften, z. B. Kilian Operat., wird nirgends der talmudischen Stellen über diese Operattonen Erwähnung zethan. **) Wir geben diesen ausführlichen Korrespondenzartikel, weil er in der That über den augenblicklichen Stand der Kultusftage einmal wieder resumirt. Wir theilen einige der Ansichten des Herrn Referenten nicht, überlassen dies aber den Lesern selbst, da die Gegenstände ziemlich zu Jedermanns Urcheil stehen. Redakt. 38*