Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 38 (12.9.1853)
- Date
- 1853-09-12
- Page
- Seite 475 (sequence 3)
- Language
- German
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475 Diese fiel aus das Mitglied der ehemaligen Verfassungskommisfion, Dr. jur. Herrn Wolfsohn, und da dieser nun die Resormpartei im Vorstande vermehrt, so supplizirten die Orthodoxen zu Rath wegen Annullirung derselben und drohten selbst, im VerneinungSfalle, mit einem Vorgehen bis zum Bundestage. Der Senat setzte hierauf eine gemischte Kommission nieder, welche aus den Senatoren Hutwalker und Schröder und den jüdischen Archonten A. Sanders und Elkan Jonas bestand, um die eingelaufenen Reklamationen zu prüfen und die Angelegenheit nach Stimmenmehrheil zu entscheiden. Sie hieß die getroffene Wahl gut, womit sich indessen, wie man hört, die Altgläubigen noch keineswegs zufrieden geben wollen. Möglicher Weise kommt der Streitpunkt noch immer vor das Forum des deutschen Areopags. (Weser-Ztg.) Aus Mecklenburg-Schwerin. (Privatmitth.) Wenn sich in diesen Blättern seit lange keine Stimme von hier ausführlicher über die hiesigen Zustände hat vernehmen lassen, so suche man den Grund hierzu weder in Theilnahmlosigkeit, mit der man den Verhältnissen zu- und entgegenschaut, noch in einer Abspannung, die jedem aufregenden Streite auf dem Fuße folgt (so aufregend ist eigentlich" die Spannung I und der Streit hier nie gewesen), noch endlich darin, daß nicht des Interessanten Einiges mitzutheilen sei. Schreiber dieses wollte nur erst abwarten, welche Lebenszeichen unser Landesrabbiner von sich geben, wie er auftreten und waS er thun würde, zu vermitteln, die Parteien zu versöhnen und den Frieden wieder herzustellen, welchen Zweck einzig und allein das Ministerium vor Augen gehabt haben soll, als es sich veranlaßt fühlte, einen Rabbinen zu ernennen und nicht, wie das Statut eS vorschreibt, denselben durch den Oberrath erwählen zu lassen. — ES ist jetzt in der siebenten Woche seitdem Herr Dr. Lippschütz am 17. Tammus durch den landesherrlichen Kommissär und in Gegenwart deS Kultusministers in der hiesigen Synagoge introduzirt worden ist. Die Introduktion sollte ursprünglich in dem Betlokale der Dissidenten, dann nach Konrreordre, zwar in der Synagoge, aber erst Nachmittags 4 Uhr, wo niemals Gottesdienst abgehalten wird, dann nach abermaliger Kontreordre Morgens 11 Uhr, wo derselbe schon beendigt ist, stattfinden. Endlich wurde Abends zuvor, spät, entschieden, daß Herr Dr. Lippschütz nebst den introduzirenden Herren Sonnabend Morgens 10 Uhr, also gegen Ende deS Gottesdienstes in die Synagoge kommen und nach Beendigung desselben die Feier (?) stattfinden solle. Und so geschah eS. Was diese kleinlichen höchst unerquicklichen Weitläufigkeiten veranlaßte, weiß ich nicht; wenn man dem Gerüchte Glauben schenken darf, so sollen sie in der Weigerung deS Herrn Dr. Lippschütz, die Synagoge zu betreten, ihre Ursache gefunden haben. Nachdem der landesherrliche Kommissär in einer sehr schönen, aber von indirekten Angriffen*) gegen Reform und deren Vertreter wimmelnden Rede Herrn Dr. Lippschütz auf seine Pflichten aufmerksam gemacht, (wie ein nicht israelitischer Geistlicher diese so genau kennt!?), die nach der Meinung deS Redner vorzüglich im beharrlichen Verweilen auf dem Boden des historischen JudenthumS und in dem Wirken in diesem Sinne bestehen, bestieg Herr Dr. Lippschütz die Kanzel. ES hatte sich die ganze Gemeinde mit kaum nennenSwerther Ausnahme von 2—3 Mitgliedern beim Gottesdienste resp. bei der Introduktion eingefunden, waS um so anerkennenSwerlher ist, als die Gemeinde dadurch sich von dem Vorwurfe frei hielt, als wollte sie ungehört verurtheilen. Und was predigte Herr Dr. Lippschütz? Ich weiß eS nicht. Ich wenigstens konnte, so aufmerksam ich auch zugehört habe, weder in Form und Inhalt eine Predigt, noch einen klar durchgeführten Grundgedanken, noch endlich ein einheitliches Ganzes, am allerwenigsten aber ein deutlich ausgesprochenes Glaubensbekennrniß darinn erkennen. Der Tert war: »-,121 ‘jan. (Ironie und Ernst in gehöriger Reihenfolge?) ES ist nun in der siebenten Woche, daß Herr Dr. Lippschütz wohlbestallter LandeSrabbiner ist; und welches Lebenszeichen har derselbe während dieser Zeit von sich gegeben? Gar keins, wenn man nicht etwa die exegetischen Vorlesungen dafür hält, die Lippschütz zweimal wöchentlich in dem Betlokal der D. halt, das er ausschließlich frequemirt. Durch den Nichlbesuch der Synagoge fehlt aber Lippschütz gegen die, *) Wir haben uns unter Anderm auch gefallen lassen muffen, mit Den dem Hause Davits und dem göttlichen Gesetze untreu gewordenen 10 Stämmen und ihrem Zerobeam an der Spitze verglichen zu werden.