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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-09-05 · Heft 37 (5.9.1853) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 37 (5.9.1853)
Date
1853-09-05
Page
Seite 463 (sequence 5)
Language
German
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4SS AuS Unterfranken, im August. lPrivatmitth.) Nachdem ich Ihnen in meinem vorigen Berichte einen Blick in unsere bürgerlichen Verhältnisse werfen ließ, will ich es auch versuchen, unsere religiösen Zustände einer nähern Beleuchrung zu unterziehen. Auch hier bieten sich dem vorurtheilsfreien Beobachter Erscheinungen dar, die nicht geeignet find, uns hoffnungsvoll in die Zukunft schauen zu lassen. — Während der JndifferentismuS immer mehr Wurzel faßt, kömmt das synagogale Leben, in welchem zeitgemäße Reformen so sehr Noth thun, immer mehr in Verfall. Sehr wenige Gemeinden sind eS, die den Forderungen der Zeit entsprechend, hiervon eine ehrenvolle Ausnahme bilden; in den meisten größeren und kleineren derselben werden die gotteSdienstltchen Verrichtungen in ihrer alten, oft so wenig würdigen Gestalt, forlgeführt, und ist von Synagogenordnung keine Rede; selbst in manchen Orten, wo der Weg zu nothwendigen Verbesserungen betreten war, ist wieder vollständige Reaktion eingetreten. Unsre Kreishauptstadt Würzburg geht hier mit nicht sehr nachahmungswürdigen Beispielen voran. Wer sich ein Bild von Synagogenunordnung machen will, der besuche daS dortige BethauS. Nirgends eine Spur von Anstand und Würde, das alte, aus den Anwesenden so Übeln Eindruck äußernde geräuschvolle Beten und Geftikuliren an der Tagesordnung. Ich glaube nicht, daß Deutschland eine zweite Stadl aufzuweisen hat, wo in dieser Beziehung den Forderungen der Zeit so wenig Rechnung getragen wird, als hier. In dem stark besuchten Kurorte Kissingen, wo längere Jahre hindurch der sich um das Judenthum verdient gemachte nunmehrige Rabbiner zu Kassel, Dr. Adler, segensreich wirkte, indem derselbe mit Aufopferung in einzelnen Orten seines RabbinatS den Weg zu zeitgemäßen Reformen angebahnt hatte, scheint eS dessen Nachfolger, Dr. Lippmann, sich zur Hauptaufgabe gemacht haben, was Ersterer mühsam geschaffen, wieder zu zerstören. Derselbe sucht in seinen Deraschot, vulgo Predigten, daS Sündhafte dieser sogenannten Neuerungen zu beweisen, und mit grobem Geschütze zu bekämpfen. Ueberhaupt wäre dieser Mann, dem zwar talmudische Gelehrsamkeit nicht adzusprechen, als Lehrer an einem Bet bsmi drasch eher am Platze, wie als Geistlicher an einem so frequenten Badeorte. Während sich sonst daS zur Badesäson sehr stark vertretene gebildete jüdische Publikum, so wie auch viele christliche Zuhörer an den gediegenen geistreichen Vorträgen Dr. Adlers erbaute, fühlt man sich jetzt von den obskuren, der Neuzeit nicht aupassenden Reden des jetzigen Rabbinen, wenig angezogen. Unsre ZionSwächterpartei begrüßt diese Erscheinungen natürlich mit Freuden und feiert dabei ihre Triumphe; sie bedenkt*) aber nicht, daß hierdurch dem immer zunehmenden JndifferentiSmus eine Waffe in die Hand gegeben, und aller mögliche Vorschub geleistet wird. — So lange wir nicht, wozu aber jetzt am wenigsten Hoffnung ist, gleich in anderen Staaten, eine aus intelligenten Mitgliedern zusammengesetzte oberste Kirchenbehörde erhallen, deren erste Aufgabe eS ist, unser Synagogenwesen einer durchgreifenden Organisation zu unterziehen und energisch durchzuführen, ist an eine Besserung unserer kirchlichen Zustände nicht zu denken; denn wenn auch einzelne unsrer Rabbinen den besten Willen hierzu haben, so find denselben die Mittel nicht geboten, ihren Bestrebungen Geltung zu verschaffen. Sie können sonst Nichts .thun als durch ihre Predigten auf ihre Zuhörer zu influiren suchen, wer aber das Festhalten des gemeinen ManneS an alles alte Formwesen kennt, der wird sich den geringen Erfolg dieser Einwirkungen leicht begreiflich machen können, namentlich in der Jetztzeit, wo man von Oben herab allen Neuerungen so wenig hold ist. Auch in unseren gemeindlichen Zuständen bleiben noch viele Verbesserungen zu wünschen übrig; die Regierung wendet denselben wenig Aufmerksamkeit zu, und kommt es nicht selten vor, daß dieselben schwebenden Fragen und Streitigkeiten, die vor ihr Forum gehören, den Untergerichten zur Entscheidung hinausschließt. — Ich schließe meinen heutigen Bericht mit dem Wunsche, daß die Zeit, welche so viel in ihrem Schooße birgt, mir bald Gelegenheit verschaffen möchte. Ihnen Anziehenderes über unsere Verhältnisse mitzutheilen. H. B. Von der Lahn, Mitte August. (Privatmitth.) Als ich die Berichte aus Anrath in Nr. 3l — 33 d. Bl. über die diesjährige Lehrerkonserenz des kreselder RabbinatsbezirkS las und die Klagen über saum- *) Denken! Wo denken Sie hin? Die Red.

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