Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 37 (5.9.1853)
- Date
- 1853-09-05
- Page
- Seite 461 (sequence 3)
- Language
- German
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461 nicht alle meine angebornen und anerworbenen Eigenthümlichkeilen abwerfen, wenn fie keine Laster find und mir und Anderen nickt schaden, bloS um ein Bischen RischuS weniger in der Welt zu haben, und das ist noch sehr problematisch. Zwar möchte ich den Juden zurufen-. Seid nicht immer Hänschen vorne an, sowohl auf öffentlichen Plätzen, als auf Subskriptionslisten, sowohl in Staat*), als in Unstaat oder Unflath — aber bedenket auch, im Mittelalter haben ste euch ganz und gar verbrannt, also die causa remota des Rischus ganz gründlich removirt — und Rischus ist doch geblieben. — Der rationelle Therapeut giebt Ihne« eine zweite Regel: Beachte den Charakter der Krankheit, ist er entzündlich, laß zur Ader und setze Blutegel, laß erbrechen und lariren, ist er erethisch, gieb Katzenkraut, Opium, TeufelSdreck, ist er lähmig, gieb Wohlverlei, peitsche mit Brennnesseln, brenne mit Glüheisen, setze spanische Fliegen. Ei, du mein lieber Gott! Wo soll ich Ihnen nun den Charakter des Rischus klar machen, brennend, entzündlich ist er oft, lahmig nie, reizbar nicht selten, aber, im Vertrauen will ich eS Ihnen sagen, diese Dogmatik nützt gar nichts. Zur Ader gelassen hat sich die Welt oft, daS Blutlaffen hat auch RischuS zuweilen unterdrückt, wenn er recht brennend war, aber kaum war kurze Zeit verflossen, da erholte sich die Menschheit wieder von dem durch den großen Heilmeister da droben verordneten großen Aderlaß — der gleichsam wie bei Lungenentzündungen ein Probeaderlaß war — und RischuS war wieder RischuS. Za, was wollen Sie weiter, Freund? Noch auf dem Todtenbette des Einzelnen, wenn jede andere Krankheit mit dem aufhörenden Leben erlischt und alle Methoden der Schulen und Systeme den ablaufenden Faden nicht weiter spinnen oder gar halten konnten, selbst in der letzten, schweren, bangen Stunde habe ich noch RischuS vernommen, zum deutlichen Beweise, daß die Schulmethode unsicher, sehr dubiös ist. Sie kann nicht einmal bei den reduzirtesten Menschen Rischus heben. Was aber nun? Ja, was nun! Lesen Sie doch die Szene zwischen Mephisto und dem Schüler in Göthe's Faust nach. Da finden Sie eine kleine Stelle, die lautet: Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen! Ihr durchstudirt die groß' und kleine Welt Um es am Ende geh'n zu lassen — Wie s Gott gefallt. *) Kleiderstaat, Menschenstaat, Tugendstaat, christlicher Staat, Möbelstaat. Nirgends ist mir diese bittere Wahrheit — die anderen Fakultäten bekommen natürlich auch ihre Portion Wahrheit vom Teufel — mehr in den Sinn gekommen, als wenn es gilt, Uebel, welche einen großen Theil der Menschheit ergreifen, zu heben. — Wie'S Gott gefällt! Die Zeit ist ein mächtiges Heilmittel gegen viele Krankheiten, gegen vieles Trübsal, auch gegen Rischus. Er schwächt fich, wie alle Krankheiten, von selbst ab. Die Pest der heutigen Tage ist nicht mehr der schwarze Tod im Mittelalter, die Pocken find durch Einimpfen eines mildern GenuS auch gemildert und vermindert, der Veitstanz herrscht nicht mehr epidemisch, sondern befällt nur hier und da ein bleichsüchtiges Mädchen u. s. w. u. s. w. Auch Rischus wird nach „vielen, vielen Jahren" seine Intensität verlieren, wir wollen indeß als kluge Aerzte ihm bald empirisch, bald rationell, bald allöopathisch, bald homöopathisch, bald sogar spezifisch, in den Einzelfällen beizukommen suchen, vor Allem aber ehrliche, sittliche Praktiker sein und bleiben und — unsere Kinder werden nach „vielen, vielen Jahren" die Krankheit nur historisch kennen.*) In der Menschheit liegt eine unübertteffliche vis wecllcatrix. Zeitungsnachrichten. Deutschland. AuS de« Mecklenburgischen, den 20. August. (Privarmitth.) Unser neuer Landrabbiner, Herr Lippschütz, fangt gleich nach seinem Antritt deS Amtes an, recht energisch die Seelsorge seiner RabbinatSkinder zu betreiben. Ein Herr M. aus Ribnitz verlobt mit einer Dame in W., ein fein gebildeter Mann, vermeldet dem Herrn Rabbiner den Tag seiner Vermahlung und seinen Wunsch, von seinem Freunde, dem Lehrer M. in W., der nicht allein ein tüchtiger und gut gebildeter Mann ist, sondern auch von mehren Rabbinen Qualifikationsatteste hat, getraut zu werden. Auch hat dieser Lehrer die Erlaub- *) Welcher Einbildung ist düser Medüzüner, RisckuS wird bleiben, auch wenn alle Juden todt find, 'denn find fie todt, erfinden die Menschen fich einen andern. Daß der Mann vergessen hat, daß die Menschheit gar nicht ohne RischuS eristiren kann! In Deutschland herrscht er gegen die Juden, in der Türkei gegen den Giaur, im freien Amerika gegen — den Neger. Anmcrk. des Setzers.