Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 36 (29.8.1853)
- Date
- 1853-08-29
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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455 sie mehr Ansprüche macht und sehr aufgeblasen ist! — Predigt, gehalten am zweiten Tage deS Wochenfestes 5613 zu Berlin in der Synagoge gr. Hamburger Straße Nr. 11 von Dr. Moritz Landsberg. Berlin, 1853. Wir erklären uns gern von dieser Predigt äußerst befriedigt. Der Redner ist noch jung, das sieht man an der Menge zu häufig und ungewöhnlich schon angeführter, wenn auch schöner Stellen der Schrift, das an der Fülle, mit der er sich kund giebt — aber die Frische und Begeisterung, die dennoch in Form und Sprache sich zu beherrschen versteht, die Lebhaftigkeit, die dennoch eben so fern von Schwall und Ueberschwänglichkeit wie von der Gewöhnlichkeit sich zu halten weiß, die einfache, aber logisch richtige und sachgemäße Gliederung, alles dies verräth uns den tüchtigen Redner! Allerdings können wir inhaltlich mit manchen Behauptungen unS nicht einverstanden erklären. Wenn der Redner wunderschön (S. 6.) über daS Heimathliche in der Religion sich ausspricht, wenn er dann gegen alles „Fremde" und „Neue", gegen die Entlehnung alles fremden GewandeS u. s. w. eifert — so schlägt er sich selber inS Angesicht, denn seine Predigt ist doch ein neues Gewand, das nicht auf heimischem Boden gewachsen ist — er gehe zu diesem Zwecke die ganze jüdische Literatur durch. Eben so wenig können wir die mit Feuer und Flamme ausgesprochene Gleichstellung der anaaia rinin und ns byao nnin „als Ein Geist und Eine Lehre, Eine Seele in zwei Körpern, Eine Quelle in zwei Gefäßen, Ein Licht in zwei Flammen" — billigen. Es wäre thöricht eine Tradition zu leugnen, wenn wir auch nicht die in P. A. 1, 1. als historisch und wörtlich richtig anschen. Aber wer sagt mir denn, waS von dem Ucberlieferren wirklich die Tradition, wirklich die j-s'vin ist, die;ra baa uns übergeben ist? Herr vr. LandSberg nimmt doch wohl hierfür nicht die ganze Mischna und Gemara an? Es wäre thöricht, die Wichtigkeit, die Unentbehrlichkeit, ja die Großartigkeit des Talmuds in seiner Art leugnen zu wollen, er ist unentbehrlich in der Entwickelung des jüdischen Lebens und des Iudenthums, er ist ein bedeutsamstes Monument des jüdischen Geistes — aber wie? der Talmud gleichgestellt mit der Tora als „Eine Seele in zwei Körpern?" Nein! 3st mbaa yrni» rr:® mit den Propheten gleichzustellen als „Eine Quelle in zwei Gefäßen?" Nein, und abermals nein! ist yp-na naa-irrb yanrr n» gleichzustellen mit den Psalmen als „Ein Licht in zwei Flammen" — nein! das ist eine Lüge! Daß der Herr vr. pbilosopbiae dies glaubt, macht er unS mit allen Versicherungen nicht weiß — aber wie traurig, auf der Kanzel mit solcher Begeisterung solche Absurditäten vortragen zu hören! — ZNagdeburg, 19. August. So lang es Juden giebt, wird ihnen der Name Spanien theuer sein. Schmerzlicher als irgend ein Ereigniß wird die Vertreibung der Juden aus Spanien *) stets in die Saiten deS wahren jüdischen Herzens greifen. Denn das Land war nicht blos materiell, sondern auch geistig ein Vaterland des zerstreuten Juda geworden. Nicht blos, daß eine Million, der atte Theil der Bevölkerung Spanien's, dem jüdischen Stamme angehörtc, die bedeutendsten Namen des jüdischen Mittelalters find mit Spanien verbunden. So wie aber Spanien nicht aus dem Gedanken der Juden schwinden wird, so find auch die Juden noch nicht dem Gedächtniß der Spanier entschwunden. Sehr eifrig beschäftigen sich noch neuere Spanier mit der Geschichte der Juden in Spanien. So erschien 1847 von Adolfo de Castro in einem mäßigen Bande eine üistoria de losjudios en Espana, die uns aber nicht zu Gesicht gekommen. Jetzt liegt vor uns ein sehr gerühmtes Werk: Estudios hislöricos, polilicos y literarios sobre los judios de Espana por D. Jose Amador de Los Bios. Madrid, 1848. ein Volumen von fast 700 Seiten gr. 8. Wir geben heute nur eine kurze Ueberfichr des Inhalts, indem wir nach unsrer Heimkehr größere Auszüge aus dem in Deutschland sehr seltenen Werke versprechen. Nach einer allgemeinen Einleitung, giebt der Verfasser im „ersten Versuch" (ensayo primero) die politische Geschichte der spanischen Juden, von deren Ankunft in Spanien bis zu ihrer Vertreibung in 10 Kapiteln, dann ihre Kultur- und Literaturgeschichte im „zweiten Versuch", der in 12 Kapiteln bis zu Abarbanel und Don Jsahak Aboab, dem letzten Gaon von Kastilien, reicht. Im „dritten Versuch" schildert der Verfasser im 1. Kapitel die Zerstreuung der spanischen Juden und ihre Niederlassung in verschiedenen Ländern, ihre Anhänglichkeit an spanischer Sprache und Literatur; und verfolgt dann die Literaturgeschichte der spanischen Juden nach ihrer Vertreibung, im 2. und 3. Kapitel während des 15. Jahrhunderts, im 4. und 5. Kapitel während des 16. und 17. Jahrhunderts, im 6. bis 10. Kapitel während des 17. Jahrhunderts, das 11. *) Eine ausführliche und sehr anziehende Beschreibung dieser schmerzensreichen Begebenheit findet man von der Hand meines Bruders in dem „Israelitischen Predigt- und Schulmagazin". Zweite Ausgabe S, 448 — 485,