Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 36 (29.8.1853)
- Date
- 1853-08-29
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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452 MesfiaShoffnung (und Gott weiß, daß sie ihrer bedurften) keinen Einfluß auf das wirkliche Leben gestatteten. In ihrer geschäftsgemäßen Anschauung waren die Worte eontsnt und content nicht blos homonym, sondern auch synonym. Indessen giebt's doch auch Leute, die gar nicht eristiren könnten, wenn sie nicht von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde ihre Erlösung erwarteten. Was sollten die 36jährigen Fräulein, was sollten die durchgefallcnen Stellenjäger, waS die graugewordenen ErbschaftShoffer, was die peufionSfähigen Lieutenants, waS die seufzenden Ehekreuzträger, was die Zuhörer einer ästhetischen Vorlesung ohne sie beginnen? Inzwischen hat man auch Beispiele, daß lange, lange auf die Erlösung gewartet worden ist, daß sie endlich eintritt, daß aber die Erwartungen nicht befriedigt 'find, und daß die Erlösung allmälig rückgängig gemacht wurde-St! es ist noch etwas zu früh, um davon zu reden! 56. Wer sich schämt zu essen und zu oren (beten), der ist hier und dort verloren. „Hier und dort," ich begreife nicht wie dieser Ausdruck in ein jüdisches Gnom kommt. Zch will nicht sagen die Idee sei unjüdisch — obgleich das sich fr erbeten gewiß nicht jüdisch rst —; aber der Ausdruck ist eS gewiß, wie man leicht inne werden kann, wenn man — und diese Probe fehlt nie — die Unmöglichkeit findet — die ohne Umschreibung ins Ebräische oder Rabbinische zu übersetzen. Zndeß der Spruch ist einmal da, und wird gewiß noch jetzt häufig jüdischen Kindern eingeschärft. Die Verbindung mit der höhcrn und mit der niedern Welt lebendig zu unterhalten, das ist ftcilich die Aufgabe alles jüdischen Lebens. Indessen sind die Zeiten vorüber, wo Juden sich vor einander schämten zu essen, nämlich tercfa. Zu beten haben sie sich aber zu allen Zeiten vor Nichtjuden geschämt. Daniel scheint zuerst nur insgeheim mit dem Gesichte nach Zion zu gebetet zu haben, und heute noch findet man selten einen Frommen, der sich nicht — es sei denn Koketterie oder Adulation im Spiel — höchst ungern in den Tefillen oder beim Tischgebet überraschen läßt. Woher dies, da doch das „Beten im stillen Kämmerlein" durchaus nicht bei uns Geltung hat? Der Antworten giebt es freilich viele, aber keine erschöpfende, den spezifischen Juden mag man nicht so herruskehrcn — man fürchtet mißverstanden und belächelt zu werden — man mag das Bewußtsein seiner innern Superiorität nicht zeigen — man fühlt sich abgezogen und gestört — doch alles Dies genügt nicht. Die weitere Auflösung wäre vielleicht ein willkommenes Thema für einige jüdische Predigten, denen ich hier nicht vorgreifen will, die aber schwerlich das Phänomen ganz aufklären werden. Daß Kinder sich häufig des Essens schämen, ist viel erklärlicher. Sie sehen die natürlichen Handlungen, die ihnen noch keineswegs turpis find, von den Erwachsenen so sehr ins Geheimniß gehüllt, daß sie in ihrer Naivetät auch das Essen dahin rechnen. In Baltimore verhüllen die Damen aus Schamhaftigkeit sogar die Beine der Stühle und Fortepiano's. 57. Ein' große Hozohe und rin' kleine Honohe. Uebersetzung: Viel Kosten und Verdruß Für wenig Genuß! Leider giebt es bei großen Aufführungen, auf Hochzeitsfesten, bei Antrittsreden, großen Landpartien, Subskriptionslieferungen, Luftballon-Aszenfionen u. dgl. gar zu viele Gelegenheiten diesen Spruch anzuwenden. Mancher, der seinen Haushalt, ja mancher der sein ganzes Leben übersieht, denkt leise oder laut: Eine große, große Hozohe und eine ganz kleine Honohe! Bisweilen hat der Mensch auch Gefälligkeiten zu leisten, wo der Genuß, den ich dem Andern verschaffe, in gar keinem Verhältniß zu meiner Mühe und Gefahr steht. Z. B. einen Theil von einem 20bändigen Werke einem Freunde zu leihen, der ihn nicht ordentlich durchlieft, aber sehr leicht verlieren kann; den wilden Jungen der Madame Soundso von dem schmutzigen Anger aufzuheben und abzuputzen , während er sich doch gleich wieder darauf niedcrwirft. Noch vor 50 Jahren galt es für Moral — und wir finden sie noch bisweilen in Schul- und Lesebüchern — man müsse all sein Leben durch geizen und sich jeden Genuß versagen, um im Alter oder gar im Testamente über Kapitale verfügen zu können. Wir Jetztlebenden, gewitzigt durch tausend Erfahrungen, namentlich über die * Unsicherheit der Kapitalien, ziehen es mit Recht vor, die Gegenwart zu genießen und für die Zukunft zu sorgen — wenn es sich machen läßt. Da gilt unser Spruch zwar nicht dem Buchstaben, wohl aber dem Sinne nach. Ich verzichte gern auf das Vergnügen einer Tontine, wo ich erst 3 oder 4000 Menschen überleben muß, um dann einen Haufen Geld zu erhalten, mit dem ich ein Paar Tage kindisch spielen darf, um ihn gleich darauf meinen Urenkeln oder ganz ftcmden Leuten zu hinterlaffen. Endlich gilt unser Spruch auch, wenn man bedenkt