Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 36 (29.8.1853)
- Date
- 1853-08-29
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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447 Wir muffen also jedenfalls diesen Mendelssohn'schen Standpunkt als den Ausgangspunkt ansehen, von welchem aus die Entwickelung des Judenthums im vorigen Jahrhundert begann. WaS wäre nun erfolgt, wenn diese Bahn der Entwickelung inne gehalten worden? was hätten wir als das muthmaßliche Resultat anzuschen? Wenn auch Mendelssohn faktisch diese Verpflichtung Jsrael's mit dem ganzen Umfang der stabilen Orthodoxie seiner Zeit verband, so läßt sein Prinzip doch eine große Entwickelung zu; denn indem er diese Verpflichtung an die unmittelbare Offenbarung auf Sinai bindet, hat er der Entwickelung die Ablösung alles dessen, waS der Gang der Zeiten seitdem dem Judenthume hinzugebracht hatte, möglich gelassen und konzedirt. Immer also von diesem Momente ausgehend, konnte durch die Entwickelung eine Läuterung des Gesetzes, eine Reduzirung desselben auf die wahren göttlichen und für Israel dauernd verpflichtenden Elemente angestrebt werden, mußte geschehen und wäre unwiderstehlich gewesen. ES würde also eine Erstarkung der Lehre, des Gedankeninhalls und, ganz besonders, des geschichtlichen Bewußtseins— dieses unentbehrlichsten Fundaments des JudemhumS — mit der Heilighaltung des geläuterten und sich abklärenden Gesetzes Hand in Hand gegangen sein, Eines hätte das Andere gestützt, die Judenheit hätte in dem selbstständigen Judenthum ihre Selbstständigkeit gewahrt, Lehre und Leben wären zur gegenseitigen Durchdringung gekommen — welche andere Erscheinungen als daS gegenwärtige Jahrhundert zu Tage gefördert hat. Mit der französischen Revolution ergriff die Juden ein unruhiger, stürmischer Drang, sich mit dem europäischen Leben zu amalgamiren, gleich berechtigt in der christlichen Welt, mit der Strömung zu schwimmen, und zwar möglichst oben an. Thörichter Widerspruch: Juden sein und für alle Aeonen bleiben zu wollen, und dennoch daS weltliche Leben bis auf die Hefen sein zu nennen! Das sofortige Erzeugniß war: daß die sogenannten aufgeklärten Juden daS ganze Gesetz über Bord warfen, und mit einigen deistischen Formeln fertig sein wollten! David Friedländer und seine „Berliner Hausväter" stehen warnend am Ende des vorigen Jahrhunderts da.... So wurde daS Judenthum nicht minder von den Stürmen der Gesellschaft ergriffen; dieses Judenthum, das anderthalb Jahrtausende ruhig den Kämpfen Europa's beigewohnt, jedes Mal, wenn dieses Europa den Resultaten der Entwickelung sich ergab, sich ihm näherte und mit ihm diese Resultate verfolgte, dieses Judenthum öffnete unbesonnen den Stürmen der französischen Revolution seine Pforten, unbesonnen, aber erklärlich, denn cS ward ihm da Erlösung von einem anderthalbtausendjährigen Joche verbeißen — verheißen, aber nicht erfüllt... Nnd was nun die Folgen? Dem einen Ertrem stellte sich das andre in seiner ganzen Kraßheit entgegen; unbegrenztem Umsturz des Gesetzes, völliger Vernichtung dcS geschichtlichen Bodens, frechster Verhöhnung des ganzen geschichtlichen Bewußtseins mußte eine starre Fesselung und Versteinerung auf dem altorthodoren Boden, ein geistloses Beharren, ein gemüthloser Eigensinn entgegen treten, der sich künstlich zum Fanatismus steigerte, während er allein von egoistischen Motiven sich führen ließ, da die innige, fromme, naive Orthodorie längst zu Grabe getragen. Hiervon nun diese Zerrissenheit deS Judenthums und der Judenheit; dieses Absterben Zahlloser für das jüdische Gesetz, bald auch für die jüdische Lehre; diese Dürre aller Reformen und wieder daS lächerliche Entgegentreten wieder diese, kurz diese ganze Verwirrung!... Ja, wir wiederholen, auch hier das Trostlose der Gegenwart nur die Folge des großen Unglücks, daß die im vorigen Jahrhundert so herrlich begonnene Entrvickclung durch die vulkanische Revolution zerrissen, zersprengt wurde! Statt der Erstarkung der Lehre mit der Heilighaltung deS geklärten Gesetzes — Parteiung und Sektirerei, Zersetzung der Lehre und Vernichtung des Gesetzes. Diese Erkenntniß wollten wir unfern Lesern geben, nicht blos als ein Apercu — sondern weil wir, wollen wir anders eine bessere Bahn einschlagen, zurückkehren und fast von vorn anfangen müssen. Ja, eS find bedeutende Resultate, die sich daraus ergeben; und auf diese bitte ich meine Leser ihre Aufmerksamkeit zu richten: wir wollen sie in kurzer Zeit ihnen vorführen. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Lengsfeld, im August. (Privatmitth.) DaS großherzogl. sächs. Staatsministerium hat auf Vorschlag deS Herrn Landrabbiners Dr. Heß angeordnet, daß der Unterzeichnete zum Behufe der Kenntnißnahme synagogaler Zustände und liturgischer Einrichtung eine Reise antrete, deren Kosten auS der Staatskasse bestritten werden sollten, und über das Ergebniß höchsten OrteS Bericht erstatte. Beigeschlossenes ist