Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 35 (22.8.1853)
- Date
- 1853-08-22
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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442 vorher hätte erschaffen können, ohne es dem Moses entdeckt zu haben; „und wenn Sie," fügte er hinzu, „die Kabbala verständen, so würde cs Ihnen nicht schwer werden, sowohl dieses Mysterium, als noch viele andere zu erfassen, wovon Sie, mein Herr, keinen klaren Begriff haben." — Zch erwiederte, daß ich allerdings keine Kenntniß von der Kabbala hätte, daß ich mich aber auf den Sinn der heiligen Schrift berufe. „Dieser ist eö eben," versetzte er, „den Sie ohne die Hülfe der Kabbala nicht verstehen können. Uebrigens thun Sie sehr wohl, mein Herr, daß Sie fich mit der Erklärung begnügen, welche Ihnen Ihre Theologen darüber geben, indem Sie wissen, daß dies die Pflicht des Christen ist." — Alsdann erkundigte ich mich nach seiner Meinung über die Sonne, welche zu Josua's Zeiten still gestanden hätte.*) Er sagte mir: cS läge nur an der Unkenntniß der Feinheiten der hebräischen Sprache, wenn man thöricht glaube, daß sie wirklich stehen geblieben wäre; ich sollte wissen, daß die Sonne, wenn fie nur wenige Augenblicke still stände, die ganze Erde einäschern würde. Ueberdies thäte Gott, nachdem er einmal die Natur erschaffen, durch sie kein Wunder mehr. Wenn daher an dem Tage der Niederlage der Amoriter von der Sonne die Rede ist, so müsse man dies ganz einfach als einen figürlichen Ausdruck bettachten, welcher nichts mehr bedeute, als daß die außerordentlichen Helbenthaten Josua's an diesem Einen Tage so groß und so zahlreich waren, daß Ein Tag allein für so viele Unternehmungen nicht hinreichend geschienen , und deshalb sage der heilige Terr, daß die Sonne gleichsam still gestanden hätte, um diesen Tag der so großen Sttapazen fähig zu machen. — Ferner wollte ich seine Meinung über die Füchse des Simson**) wissen, deshalb fragte ich ihn, waS er darüber glaube. Er antwortete mir, daß diese vermeintlichen Füchse nichts anderes, als Getteidebündel gewesen wären, in welche dieser Herkules des alten Testaments Feuer gebracht hatte, welches, indem es fich dem Rest des noch nicht eingeerndeten Getreides mitrhcilte, die ganzen Früchte der Philister verzehrt hatte. Dann befragte ich ihn um die Raben, welche den Propheten EliaS in der Wüste ernähtt hatten, so lange als er fich wegen der von Ahab erlittenen Verfolgung *) S. Iosua, Kap. 10. V. 12—13. **) S. Richter, Kap. 15. V. 4—5. Der Uebers. verborgen halten mußte.*) Er glaube, sagte er, daß diese Raben des Elias die Bewohner eines unweit vom Jordan gelegenen Dorfes waren, welches im Hebräischen das „Rabenncst"**) hieß, und daß die Leute dieses Ortes von den benachbarten Völkern gewöhnlich die „Raben" genannt wurden, ein Spottname, den fie fühttcn, obschon fie tugendhaft und gottesfürchtig gewesen. Solche Raben wären eö, die dem Propheten während seines Aufenthalts in der Wüste beigestanden und Nahrung gebracht hatten. — Nun fragte ich ihn, ob er daS alte Testament für das älteste Buch halte, welches je verfaßt worden. Darauf antwortete er mir: dies glaube er nicht; denn das Buch deS Henoch, wovon die Rabbinen reden, habe sehr lange vor Mofis Zeiten eristirt; überdies rede die Bibel von einer Stadt, im Hebräischen die „Bücherstadt"***) genannt, welche von den Israeliten auf ihren Zügen nach dem gelobten Lande zinsbar gemacht und erobett wurde, waS also beweise, daß die Bücher dieser Stadt, welche letztere nach ihren Büchern benannt und längst vor Mofis Epoche gegründet worden war, weit älter wären, als die von diesem Gesetzgeber verfaßten Bücher. Nun kamen wir auf das Kapitel von der Bestrafung der Sünde und Belohnung der Tugend. Hierüber wagte mir dieser Ungläubige zu antworten: da das Gute und das Böse nur in diesem Leben geschehen, so wolle die Vernunft, daß Lohn und Sttafe ebenfalls nur zeitlich wären, und da die Dauer dieses Lebens mit der Ewigkeit in gar kein Verhältniß zu bringen sei, so könne er nicht begreifen, wie die in dieser Welt verübten guten oder bösen Thaten, die doch beide begrenzt und endlich, je auf ewig in derselben Weise belohnt oder bestraft werden könnten, da die Ewigkeit nie endet. Dann fände er auf der einen Seite Verschwendung und auf der andern Grausamkeit. Und um seine Meinung zu bekräftigen, fügte er hinzu, daß Moses den Israeliten keine andere Belohnungen verheißen, keine andere Sttafen angedroht habe, als solche, die das Leben betteffen. Ich gestehe, daß eine solche Sprache mich nicht wenig verdroß; daß fie mich nachdenkend machte über die Abgründe der Jrtthümer und der Gottlofigkeit, in welche ein Mensch stürzt, wenn er, der Lichtstrahlen des heiligen Geistes und der göttlichen Gnade beraubt, fich in dem *) S. Könige I., K. 17. V. 4—6. **) Richter, K. 7. V. 25. — ***) Iosua, K. 15. V. 15—16. Der Uebers.