Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 35 (22.8.1853)
- Date
- 1853-08-22
- Page
- Seite 441 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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441 Meine Unterhaltung mit einem berühmten Rabbinen zu Padua. Erz ählt von dem Grafe» Oxenftierrra. *) Uebersetzt und eingesandt von — t —*). Vorbemerkung der Redaktion. DaS Judenthum hat glücklicher Weise aus Eregcse und Metaphysik niemals den Gegenstand der Sektirerei und Verketzerung gemacht. Der Talmud giebt die glänzendsten Beweise dieser Toleranz, wie die verschiedensten, oft entgegengesetztesten Auslegungen derselben Schriftstelle ruhig nebeneinander gestellt werden, ohne daß die Lehrer dieS im Geringsten unangemessen finden. Ebenso haben die Kabbalisten und die jüdischen Philosophen die metaphysischen Fragen in mannigfaltigster Weise beantwonet, ohne je sich untereinader zu verketzern oder von der Synagoge verketzert zu werden. Fand ja einmal ein solches Ereigniß statt, so war es ein Geist, der von außen hereingekommen. Es kam immer nur darauf an, ob die Grundlehren des Judenthums unangetastet blieben, und das Gesetz vollfuhrt ward. In diesem Sinne geben wir das folgende Fragment, weil es interessant ist, übrigens eS in seinen Ansichten sich selbst überlassend. Die Zusammensetzung deS Menschen aus „drei Theilen" war vor Jahrhunderten bei den Spaniern und Italienern nicht ungewöhnlich, ist aber vor jeder klarern Erkenntnis so veraltet, daß sie nicht mehr bestritten zu werden braucht. Auf meiner dritten Reise nach Italien ward ich zwischen Vicenza und Padua von dem Podagra befallen, so daß ich mich genöthigt sah, einen ganzen Monat in letzterer Stadt zu verweilen, bis ich wieder die genügenden Kräfte erlangt hatte, um meine Reise fortsetzen zu können. Da Padua an sich selbst ein unbehaglicher Aufenthaltsort ist, und ich Niemanden hier kannte, so ward mir die Zeit sehr lang, bis der hundert und elf Jahre alte Vater meines Wirths, ein geborner Deutscher und deshalb Martins Tedesco genannt, mich in meinem Zim¬ *) Vorliegenden Artikel fand ich vor Kurzem in einer vor hundert Jahren erschienenen italienischen Uebersetzung der Schriften des Grafen Orenstierna, eines würdigen Urenkels des berühmten Kanzlers Arel Orenstierna. Ich habe denselben in's Deutsche übertagen, und hosse, daß er die verehrten Leser dieser Zeitschrift interesfiren wird. Der Uebers. mer besuchte. Er befand sich trotz seines GreisenalterS noch sehr wohl, und ich fand mit Erstaunen, daß er nicht nur körperlich kräftig war, sondern auch einen so gesunden Verstand und ein so glückliches Gedächtniß hatte, daß er mir tausend Dinge aus dem dreißigjährigen Kriege von den in Deutschland damals anwesenden Schweden erzählte. Auch meinen Urgroßvater hatte er gekannt, den Grafen Arel Orenstierna, welcher Generaldirektor der protestantischen Ligue in Deutschland war. Er schilderte mir dessen Person so lebhaft, daß Alles mit dem übereinstimmte, was ich in Schweden darüber gehört hatte. Ich nahm nun Anlaß diesen Greis zu ftagen, ob er mir nicht den Besuch irgend eines talentvollen Mannes verschaffen könnte, der mir während meines unangenehmen Aufenthaltes, den ich bis zu meiner völligen Wiederherstellung noch hier haben müßte, manchmal Gesellschaft leisten würde. Darauf erwiederte er mir: er kenne einen hochberühmten Rabbinen, der auch als Arzt in bedeutendem Rufe stehe; diesen wolle er, obschon jener höchst ungern mit Fremden in Berührung käme, dennoch zu einem Besuche bewegen, und zwar unter dem Vorwände, ihn über mein Uebel zu Rathe zu ziehen. Damit war ich zufrieden, undgleich den andern Tag hatte ich daS Vergnügen, diesen Israeliten bei mir zu sehen. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, von wenig Worten, der aber äußerst aufmerksam war auf das, waS ich mit ihm sprach. Ich empfing ihn mit aller möglichen Zuvorkommenheit, und nachdem ich ihn in einigen Augenblicken von der Zunahme meiner Gicht in Kenntniß gesetzt hatte, ging ich gesprächsweise zu anderen Stoffen über und endlich zum alten Testament. Ich ergriff nun die Gelegenheit, ihn nach seiner Meinung über die Präadamiten zu fragen. Darauf antwortete er mir: was ihn betreffe, so sähe er seinem Verstände nach in der Eristenz derselben gar keine Unmöglichkeit, da unsere Welt nicht älter wäre als 6000 Jahre, und Gott, bevor diese da war, schon andere Welten erschaffen und wieder vernichtet haben könnte, obschon uns dies nicht bekannt sei, was jedoch der Möglichkeit keinen Eintrag thäte. Ich entgegncte ihm: das alte Testament rede nicht davon, sondern wir ersehen aus der Genesis, daß Gott am Anfänge Himmel und Erde mit Allem was dazu gehört, erschaffen und den Adam, den Vater allen Menschen, gebildet habe. — Er aber antwortete mir, daß dieses Wort „Anfang" sich nur auf die von Mofis gekannten Werke beziehen dürste; es beweise aber nicht, daß Gott nicht andere Werke 35*