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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-08-22 · Heft 35 (22.8.1853) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 35 (22.8.1853)
Date
1853-08-22
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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339 Schulen, 46 WohlthätigkeitSgesellschaften, 3 literarische Vereine und eine jüdische Bevölkerung von ungefähr 30,000 Seelen. DaS Verhältniß der verschienen Lander ist: 1 Amerikaner zu 2 Engländern, 5 Polen und 25 Deutschen. Dr. Wiese. Korrespondenz. Aus dem Großherzogthum Posen. Ostrowo, im Juli. Es thut dem Berichterstatter wehe, wenn er über einzelne Gemeinden oder Körperschaften eine Sprache führen muß, die nicht geeignet ist die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu stimmen; allein die Wahrheit soll dem Tagesschriftfieller höher stehen als Rücksichten, und soll sich dieser überhaupt mehr vom Kopfe als vom Herzen leiten lassen. Wenn ich eS aber dennoch unterlasse die sozialen und religiösen Verhältnisse der Juden, wie ich fie während meiner Reise durch die meisten Stadt- und Landgemeinden des Herzogthums kennen lernte, einer unparteiischen kritischen Besprechung zu unterziehen, so geschieht dies ausschließlich nur deshalb, weil ich nicht gern all die jämmerlichen Bilder von Gemeindezerwürfnissen, von verwahrlosten Schul- und Synagogalzuständen zum Eckel und Ueberdruße Ihrer Leser aufs Neue vorführen möchte. Es ist ja ohnehin schon genug und öfters dieses Klagelied angestimmt worden, wozu denn nur immerfort das leere Stroh dreschen? Nichts desto weniger jedoch kann ich eS nicht unterlassen Ihnen eine treue Schilderung der hiesigen Gemeinde- Verhältnisse zu geben, da ich damit die Ehrenrettung eines Mannes bezwecke, dessen gediegener Charakter und Religiosität von einigen unverbesserlichen, zanksüchtigen Gemeinderuhcstörern überall und allenthalben besudelt und begeifert wird. Dieser Mann ist der hiesige Oberrabbiner Herr M. Stössel, der vor 4 Jahren nach 3 abgehaltenen Probereden einstimmig von der ganzen Gemeinde zum religiösen Oberhaupte gewählt wurde. Die Gemeinde zählt ungefähr 400 Familienväter, unter welchen auch einige Talmudisten, und gerade diese letzteren waren es, welche am eifrigsten bemüht waren die Aufnahme dieses Rabbiners zu betreiben, der, wie fie damals Jedermann zu beweisen suchten, vor allen Anderen berufen ist den göttlichen Frieden wieder herzustcllen und die Parteien zu versöhnen, da er nebst einem großen Schatze rabbinisch-talmudischen Wissens auch eine seltene Rednergabe besitzt, und durch seine rein deutschen Vorträge zu erbauen und zu begeistern versteht. Herr Stössel war früher Rabbiner der orthodoxen Gemeinde zu Agram und hat seine Rabbinatsbefähigung von den anerkanntesten rabbinischen Autoritäten als: von dem mährisch-schlesischen Oberlandesrabbiner, von Herrn Quetsch, Rabbi zu Leipnik, von Herrn Ossad, Rabbi zu Szenitz rc., welche Herren auch auf Anftage der hiesigen Gemeinde testirten, daß Herr Stöffel ein gediegener Charakterj und im strengsten Sinne des Wortes Orthodoxe ist. Und in der Thai ist es auch Herrn Stössel gelungen, durch volle 2*/» Jahre im segensreichsten Sinne zu wirken, und in der Gemeinde herrschte eine Eintracht, wie man sich deren zu keiner ftühern Zeit zu erinnern wusste. Seine geistreichen Vorträge haben zum Synägogcnbcsuch eingcladen, und er hat so Manches am morschen Gebäude deS Judenthums auszubessern gesucht, so wie er auch der verwahrlosten Jugend ein wachsames Auge schenkte. Er zeigte sich im höchsten Grade uneigennützig, denn nie ließ er sich von Zeugnissen für Schächter, oder vom sogenannten „m'vas" die sonst eingeführte und von Rabbinen üblicher Weise genommenen Gebühren zahlen. Der Friede in der Gemeinde sollte aber nicht von beständiger Dauer sein? Der kempner Rabbi, ein Charakter wie er den polnischen Rabbinen von echtem Schrot und Korn eigen ist, sah eS mit Scheelsucht an, daß der hiesige Rabbi io geachtet und geliebt wird und mit wenigen Worten vieles auszurichrcn vermag, während er in seiner Gemeinde die größten Parteizwistigkeitcn zu ertragen hat, und er im Ganzen mehr Null als Ziffer ist. Er nahm einen vom hiesigen Rabbi entsetzten Schächter in Schutz, suchte sich eine Partei unter den hiesigen Talmudisten zu erwerben, und diese legten ihm 6 asketische Fragen vor, welche ihrer Angabe nach vom hiesigen Rabbi fälschlich beantwortet worden wären (?). Sofort schrieb der Kempner, ohne vorher, wie es doch Amts- und Kollcgenpflicht gewesen wäre, bei dem hiesigen Rabbi über die Echtheit der ihm zugekommenen Nachrichten anzufragen, an den Vorstand der hiesigen Gemeinde, daß er aus den ihm vorgelegtcn 6 asketischen Urtheilssprüchen des Herrn Rabbi Stössel entnehme, derselbe sei entweder seinem Fache nicht gewachsen, oder besitze zu viel „Geigerismus", was beides zu glauben ihm leicht ist, da er vernommen, der vstrowo'er Rabbi halte Predigten (?'.?); daher legt er es der Gemeinde zur Pflicht, den Rabbi Stössel in so lange zu suspendiren, als derselbe sich nicht vor einer von der Gemeinde einzuberufenden

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