Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 35 (22.8.1853)
- Date
- 1853-08-22
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
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436 der Lehre zu versöhnen. Ich will nun nicht darauf eingehen, die Geschichte dieser Zeit zu beschreiben, eS ist daS eine Arbeit für sich, aber das Eine will ich bloS hervorheben, man strebte von allen Seiten im Interesse des JudenthumS, dasselbe zu läutern und zu klären, und eS so viel als möglich im Geiste des Glaubens dem Leben näher zu bringen. Ich führe zunächst an die Predigt. ES sollte an heiliger Stätte daS Volk über das, waS ihm obliegt, belehrt werden; und eS sollte nicht mehr daS Gotteshaus als Tummelplatz für leeres Gezänke gelten. Nun ist aber dabei ein Mangel zu berücksichtigen. ES ist ein großer Unterschied zwischen anderen Konfessionen und dem Juden. Während es anderSwo hilft, wie Gretchen sagt: „Du mußt daran glauben," liegt im Juden der Geist der Kritik im Vorhinein. Wir wollen nicht untersuchen, ob dieser Geist im Verlaufe der Zeiten im Großen und Ganzen wohlthätige oder üble Erfolge hatte, wir wollen nur die Thatsachen konstatiren. Daher kommt eS, daß eben so wie der alte Jude an der Derascha nur dann Gefallen fand, wenn er seinen eigenen Witz dabei erproben konnte; so ergeht eS dem neuern Juden bei der Predigt. Er geht nicht hinein um sie anzuhören und sich durch sie zu erbauen; er geht hin, um eine geistreiche Vorlesung anzuhören; und ist sie nicht geistreich gewesen, dann sei Gott dem Prediger gnädig, wie gegen ihn losgezogen wird; und hat sich der nicht binnen kürzester Frist geändert, so kann er darauf rechnen, daß er vor leeren Bänken predigt. Ich glaube daher, daß die Predigt, wie sie bis jetzt geübt wurde, nur eine Uebergangsperiode war. ES wird die Zeit kommen, wo die Predigt zur Derascha wird, und wie auch der Pilpul zu Grabe getragen ist, die alte Eregese mit dem sprühenden Witze wird wieder Terrän erobern. Denn nach wie vor kann unS jeder Tag die Ueberzeugung bringen, daß beim Juden nicht der Geist durch das Gemüth angeregt wird, sondern umgekehrt, wo auf daS Gemüth gewirkt werden isoll, muß eS vermittelst des Geistes geschehen. Man werfe uns nicht vor, daß wir dem Juden das Gemüth absprechen wollen, aber er ist einmal eben so wenig wie sein Gott süßlich. Wir sehen auch bereits von allen besseren Predigern diesen Weg einschlagen. Nun kommen wir zu einem andern Punkte, zu den Reformen im Allgemeinen. Wir wollen diese eintheilen in Reformen im GotteShause und in Reformen im Leben. Sprechen wir zunächst von den letzteren. Bedenkt man zunächst die Stellung deS Rabbiners, der in keiner Weise mit dem katholischen Geistlichen zu vergleichen ist. Während der letztere die Kraft zu lösen und zu binden hat, steht ersterm gar nichts zu Gebote, außer feine eigene persönliche Autorität, wenn sie eine solche ist. Freilich kann daS der Christ gar nicht begreifen, und ich habe öfters bei Anderen nur mit einem Achselzucken auf die Frage: wer denn beim Juden die Stelle des Konsistoriums vertritt, antworten können. Der Rabbiner ruft daher nicht die Reformen ins Leben, sondern das Publikum macht sich die Reformen, die ihm belieben, da der neue Jude mit dem alten aus gleicher Stufe steht, daß er selber sich den Din „patkenen" will. Der Rabbiner kann nur daS thun, den Sinn für das Bessere anzuregen. Ich hätte über diesen Punkt noch so Manches zu sagen, und werde vielleicht bald darauf zurückkommen. ProHnitz, 8. Aug. (Entgegnung.) In Nr. 32 Ihres geschätzten Blattes nimmt sich ein AnnonymuS, die gewiß sehr dankbare Mühe, den Schreiber dieses aufs Tüchtigste anzuschwärzen. Der langen Rede kurzer Sinn ist Folgendes. Während ich in meinem frühern Rabbinate zu Teschen, sogar an Sonntagen gepredigt, schließe ich mich, in meinem gegenwärtigen Rabbinate zu Proßnitz, den eifrigsten Vertretern und Verfechtern deS orthodoren JudenthumS an. Natürlich die schreiendste Manteldreherei! Ich muß es gestehen, ich hätte keine Feder ergriffen, um den bitteren Anschuldigungen, die dort gegen mich ausgesprochen werden, ein Wort zu entgegnen; wenn Solches nicht eine Geringschätzung gegen die Meinung der Welt, die gewiß Niemande gleichgültig bleiben darf, bekunden würde.— Ich will jedoch keine leeren Worte, sondern Thatsachrn, die hier zu Lande weltkundig sind, für mich sprechen lassen. Ich bekleide nun daS dritte Rabbinat, und ich fordere fämmtliche Gemeinden dieser Rabbinate zur Zeugenschaft aus, ob ich nicht von der ersten Stunde meines Amtsantritts an bis auf den heutigen Tag, immer dieselben Gesinnungen bekundet, dieselben religiösen Grundsätze durch Wort und That geoffenbart, stets eine und dieselbe Richtung mit unerschütterlicher Konsequenz verfolgt habe! — Als ich nach Teschen kam, da wurde außer Samstag kein Gotteshaus geöfftiet — ich habe unermüdet