Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-08-15 · Heft 34 (15.8.1853) · p. Seite 422

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 34 (15.8.1853)
Date
1853-08-15
Page
Seite 422 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225822-3225857--13308-3299608
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

422 verbunden ist; allein der überwiegende Vortheil liegt zweifelsohne darin, daß die Gesuche um bürgerliche Aufnahme von dem unparteiischen Standpunkte der Staatsbehörden aus, weit eher bewilligt werden dürften, als von Seiten der lokalen Gemeindebehörden, welche leicht von eigennützigen Rücksichten befangen, zur Verweigerung verleitet werden. Dieses ist namentlich in Baden von großer Wichtigkeit, wo, zwar bei voller Gleichstellung der Israeliten in staatöbürlicher Beziehung, ihnen doch noch daS allgemeine Recht der Freizügigkeit, nicht zugestanden, nicht einmal in dem beschränkten Maaße, wie es laut Nr. 27 dieser Blätter in Würlemberg gestattet ist. Großherzogthurrr Baden, im August. (Privatmillh.) Ich möchte Ihnen heute etwas aus unferm synagogalen Leben mittheilen, allein eS sieht in dieser Beziehung trübe und unsicher aus. In unserer obersten kirchlichen Behörde fehlt noch immer der Stellvertreter des seligen Oberraths Epstein, und dies ist vielleicht noch das Beste, da nach manchen Anzeichen zu schließen, schwerlich ein Freund deS zeitgemäßen Fortschritts, auf diesen wichtigen Posten berufen werden dürfte. Denn alle die sogenannten Aufgeklärten verhalten sich bei dieser wichtigen Angelegenheit, eigentlich wie immer, indifferent und lässig, und nicht besser machen eS die gemäßigt Frommen, während die Ultraorthodoren, d. h. diejenigen, welche vorgeben, daß sie allein altgläubig feien, äußerst rührig sind, um einen Rabbiner ihrer Farbe an die Spitze zu bringen, der nicht nur keinen neuen Fortschritt gewähren, sondern selbst alle zeitgemäßen Schöpfungen, welche bisher gewiß nicht im Sinne der Zerstörung, sondern in Folge der konservativsten, vom würdigsten Ernste durchdrungenen Ansichten des seligen Epstein ins Leben getreten sind, aus Schule und Synagoge wieder hinaus zu schaffen. Wie unbegründet ist doch der von judenfeinblicher Seite so oft gehörte Vorwurf: der Jude lebe partikularistisch und schließe sich nie dem Zeitgeifte an! Nein, da halte ich es mit dem kürzlich in diesen Blättern gelesenen deutsch-jüdischen Sprüchwörtern auS Hamburg: „wie es sich christelt, so jüdelt es sich." Die Neuzeit liefert Belege genug dafür. Die Regierungen verlangen die Verbreitung religiösen Sinnes und positiver Grundsätze, es wird nun allenhalben auf ausgedehnten Religionsunterricht, fleißigen Kirchenbesuch u. dgl. gedrungen. DaS ist gut und recht. WaS geht dieses aber die Juden an? sie, deren ganzes Leben von positiven Religionsgeboten durchwebt ist, vom Morgen bis zum Abend, und von der Wiege dis zum Grabe! Haben denn auch sie einen Umsturz ihrer Kirche zu befürchten? oder wenn eS auch eine geringe Zahl wirklich Glaubensloser unter ihnen geben sollte, hätte dann von diesen die Staatsordnung einen zerstörenden Einfluß zu fürchten? was gilt denn eigentlich der Jude im Staate? wie hoch ist sein Eingriff in die Staatsmaschine anzuschlagen? — Nein, der religiöse Sinn der Juden im Allgemeinen ist noch durchweg positiv und konservativ; lasset sie noch so denkfrei oder freigläubig sich geberden, eS sprudelt immerhin ein Strahl inniger Religiosität in tiefsten ihres Herzens, und ruchlose, zerstörende Freigeisterei, Leugnung der höchsten und beglückendsten Wahrheiten der Religion, ist dem Juden im Allgemeinen eine Unmöglichkeit. Desto ruchloser ist daS Gebühren und daS ganze Treiben einer geringen Zahl Ultrafrommer, die sich nicht entblöden, ganz der Religion, die sie zu lieben heucheln, zuwider, Tausende, ihrer GlaubenSbrüder boshaft zu verleumden, des Unglaubens und der Zerstörungssucht anzuklagen, nur um des Zweckes willen, einen Mann an die Spitze zu bringen, der sie allein als die Frommen und Getreuen proklamirt. Möge dabei der ansehnlichste Theil der Glaubensgenossen nicht nur tief gekränkt und beschämt, sondern auch in die Versuchung geführt werden, gegen seine heiligste Neigung, von den Wohlthaten der Religion sich möglichst zurückzuziehen; was liegt jenen Eingebildeten daran? der Zweck heiligt daS Mittel, und ihr höchster Zweck ist die Selbsterhebung. Möchte nur die Rache, die Bestrafung solchen Benehmens nicht für das Haus Israel im Allgemeinen fühlbar werden! möchte nur nicht Haß und Verfolgung von innen und außen auS dieser bösen Saat emporkeimen!*) G. *) Wir können nur dem eindringlichen Worte unsers Herrn Korrespondenten den Wunsch hinzufügen, daß es eine gute Statt finde. Es ist Zeit, daß sich die Gutgesinnten, d. h. diejenigen, welche die Erhaltung der väterlichen Religion mit oller Kraft anstrebcn, ohne die Bekenner derselben verurthcilen zu wollen, nur mittelalterliche Figuren zu spielen— zusammcnthun und der hohen Staatsbehörde ihren wahrhaft religiösen Sinn gegenüber den Jnrriguen und Persönlichkeiten der Ultra'S kundthun. Wir unfern TheilS stellen diese Künste einer handvoll Ulrra's mit der religiösen Frivolität der Religionslosen ganz auf eine und dieselbe Stufe! Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.