Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 31 (25.7.1853)
- Date
- 1853-07-25
- Page
- Seite 388 (sequence 10)
- Language
- German
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388 der Juden knüpft (S. 18—54), so jedoch, daß auch anderer Dinge Besprechung eingeschaltet ist, und das Gespräch übergeht zu dem Verhältniß der Völker und Fürsten. Hieraus enrspinnt fich dann eine langgestreckte Unterhaltung zwischen einem (guten) „Dämon" und einem „schlafenden König", welche das Buch ausfüllt. S. 63 schreibt die Verfasserin: „Bis hierher die Unterhaltung mit dem Primas nachgeschrieben" und so wäre das ganze Fragment über die Juden wirklich ein Ueberkommniß aus dem Jahre 1808, also 45 Jahre alt. Und daß es dies ist, bezeugt auch der Inhalt; denn wie er äußerlich die Frankfurter Gaffe noch als Ghetto der Frankfurter Judenschast vorauSsetzt, so noch innerlich die Juden in einem Zustande vor Jahrhunderten. Unsere Väter zehrten 1808 in der christlichen Welt noch immer allein am Ruhme Mendelssohns; dieser hatte nach innen einige schwache Nacheiferer, nach außen noch gar keine Nachfolger erhalten; vergebens sehen wir uns Dezennien nach 1780 nach einem jüdischen Namen um, der die christliche Welt überzeugen konnte, daß Mendelssohn keine Ausnahme unter den Juden sei. Die aber damals schon immer tiefer in die jüdische Masse eindringende Bildung, die große Vorbereitung zur Erhebung der jüdischen Bevölkerung auf allen Gebieten, die ungemeine Zahl der damals bereits geborenen und fich heranbildenden Juden, welche bald allen Wissenschaften, Künsten und Gewerben zur Ehre gereichen sollten — diese waren natürlich den Augen der christlichen Welt damals noch verborgen. Darum ist das vorliegende Fragment auS zwei Gefichtspunkten um so interessanter für uns, indem es einerseits zeigt, wie vor noch so kurzer Zeit die Juden selbst günstigen Augen erscheinen mußten — und dieser Vergleich ist ein Ehrenzeugniß für unS — andrerseits uns einen Maßstab darbietet, an dem wir abmeffen können, waS wir von den Prophezeiungen der, unsre Freiheit ungestüm fordernden Verfasserin verwirklicht haben, waS nicht; was damals von unsrer Religion gedacht ward, und wie weit diese seitdem fich herausgearbeiter hat; welche Vorwürfe unS der Gegner — denn diese Rolle spielt in dem Gespräche der Primas — mit Recht damals machte, und wie weit noch heute diese Platz hätten. Dergleichen mit unparteiischen Augen bisweilen zu bettachten und zu erwägen, ist für den Sttebenden sehr nützlich. Verschweigen wollen wir aber nicht, daß, während Bettina in ihren Voraussagungen über uns voraussetzt, diese würden fich realifiren, sobald uns bürgerliche Freiheit gegeben und selbst direkt begünstigend und fördernd auf uns eingewirkt würde — was in Erfüllung gegangen, von uns in dem Stteben nach dem uns vorenthaltenen Recht errungen worden ist: wie bei vielen Dingen ist aber darum das pareegue oder guoigue fraglich.'.... Klarheit und Einfachheit wird Jeder, der Bettina's Schreibweise kennt, am wenigsten von ihr ermatten. Es ist in ihr vor Allem der Zwiespalt des Wirklichen und Idealen gefühlt und gedacht; aber da eS ihr nicht gegeben ist, logisch untersuchend fich die Frage zu lösen, wie wird das Wirkliche zum Idealen gebracht, wie beide mit einander versöhnt und ausgeglichen, und da somit dieser Zwiespalt ihr ewig als unausfüllbar zu namenlosem Weh wird — so ist es eben nur eine kleine Zahl Gedanken des Jdealischen, die fich ihrer innersten Seele aufdrängrn, oder besser auS der Tiefe ihrer Seele fich hervordrängen, und in den mannigfalttgsten, buntesten Ausdrücken Hinausringen. Diese kleine Zahl Gedanken hüllt fich aber darum in ein unermeßliches Zellgewebe von Wotten, um doch irgendwie als eine zusammenhängendes Ganzes fich zu präsentiren. Diese kleine Zahl Gedanken find aber wie Blitze, die das Dunkel der Zukunft durchleuchten, wie Weissagungen, deren Nichterfüllung die Kassandra bejammett, weil fie kein Bewußtsein davon hat, wie immerfott das Ideale mitten im Realen in der That verwirklicht, obschon mit dem Realen organisch verwachsen, und darum dem blos Ideales schauenden Auge des Idealen entkleidet, von ihm gar nicht gesehen. All Dies erweist gerade das Fragment der Betttna über die Juden, und daß fie das 1808 Niedergeschriebene 1852 reproduziren kann, ohne Ahnung, wie viel daran fich verwirklicht hat. Weder Raum, noch Stellung dieses Blattes gestatten, den Inhalt des in Rede stehenden Gespräches genauer hier auszuführen. Aber einige Aussprüche wollen wir hier ansühren, immer mit dem Gedanken, daß fie aus dem Jahre 1808 stammen. Der Primas äußett die Befürchtung, die Juden würden ihre Freiheit mißbrauchen, „und die christliche Ungerechttgkeit, so wie fie Luft haben, mit jüdischer Keckheit auSpattren —" da sagte fie: „Schlechter als ihre Unterdrücker find die Juden nicht; wem aber Macht gegeben ist, wie kann der eS verantwotten, wenn er ihre Schnellkraft fürchtet. Sie wird keinen Unfug anttchten, wenn fie als LebenSttieb fich aufrichtet in dem Stamm, dem die bittre Noch, die von der Religion der Milde über ihn verhängt ward, nicht hat können das Mark verehren, um so leichter wird er gesund werden, als durch die offene Wunde der Balsam rascher in'S Blut dringt und eS reinigt und heilt." — Weiterhin sagt fie: „Und die Juden empor-