Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 31 (25.7.1853)
- Date
- 1853-07-25
- Page
- Seite 387 (sequence 9)
- Language
- German
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38? Ich breche ab, da offenbar der Platz nicht reichen würde. Die Erfindung des NichtantwortenS ist jedenfalls eine der wichtigsten und übertrifft die Rowland Hill'sche bei Weitem, da fie das Porto nicht blos herabsetzt, sondern es gänzlich erspart. Wer übrigens viel Geschäftskorrespondenz mit England führt, der weiß, wie oft man dort diese Art zu antworten, ausübt. 34. Ein fauler Schliach ist ein halber Nowe. Uebersetzung: Der Bote, der zu langsam geht. Ist stets zur Hälfte ein Prophet. Kommt der Arzt zu spät, so ist der Kranke entweder besser oder todt. Herr N. N. wird entweder zu Hause sein oder nicht. Der Schneider hat den Rock entweder fertig oder nicht. Bei allen solchen Gelegenheiten ist der faule Bote, indem beiderlei Chancen gleich stehen, immer mit dem Berichte, den er Dir giebt, ein halber Prophete. Auch der Geistliche, der dem Sterbenden das Paradies verspricht, ist immer 50 Prozent von einem Propheten. 35. Kriäh über kein' Bräire! Uebersetzung: Das Wörtlein Muß Ist eine harte Nuß'. Ja, eine harte, eine dürre, eine mix vomica. Aber doch nothwendig und wohlthätig in unserm Privatsowohl alS öffentlichen Leben. Es ist die Bonne Anangke, welche die gute Mutter Providentia gebraucht, um die widerstrebenden Kinder über die breite Gosse zu heben, die sie von selbst wohl nie überschritten hätten. Sind fie einmal drüben und hat sich ihr Zappeln gelegt, so sehen sie es wohl ein. Einen verwandten, doch bedeutend verschiedenen Sinn hat daS Wort: 36. Mosche Mechujen (scherzhaft korrumpirt aus Kemo schemechujen. ES ist zu übersetzen mit: Wer A gesagt hat, muß auch B sagen; und wird vorzüglich bei abgenöthigter Fortsetzung einmal angefangener Gefälligkeiten angewendet. Das ebenfalls verwandt klingende Wort: 37. Leibche muß nach Leipzig, das den Spott gegen übermäßige Unternehmungen Ausdrücken soll, ist zugleich merkwürdig als Monumet einer Zeit, wo eine Reise nach Leipzig viel zu bedeuten hatte. Unsere Leibche's (oder Ludwigs, Luitpolds, Lothars, Leonhards, LeonidaS, LionelS re.) sagen: Adieu, ich gehe nach Hongkong oder Honolulu, oder S. Franzisco, oder Melbourne oder Milwoukee, wenn ich dort bin, melde ich's dir gleich per Telegraph. 38. Ein Schakren muß ein Sikoren haben. Uebersetzung: Wer will lügen mit Gloria, Der braucht ein gut Memoria. Wie wir das in dem allerliebsten Benedir'schen Lustspiel „daS Lügen" sehen, gehört sogar noch mehr dazu alS blos ein gutes Gedächtniß, nämlich Phantasie, Gewandheit, Selbstverleugnung u. s. w. Das Gedächtniß ist freilich ein Hauptbedürfniß, zumal für geistlose Lügner; allein Leute von Kraft wissen sich schon ohnedies mit einiger genialen Keckheit durchzubringen. Thatsachen allein beweisen wenig, und können eben so wenig einer authentischen Auslegung entbehren, als das Staatsrecht oder die Bibel. Deshalb ist ein durch Gedächtnißfehler herbeigeführter Verstoß hier eben so leicht auszugleichen als ein Wortbruch auf politischem Felde durch die politische Nothwendizkeit. Ohne aber unserm Spruch zu nahe zu treten, kann man vielleicht auch das Gegentheil behaupten. Ein Lügner darf gar kein Gedächtniß haben; — wie klingt das? Paradox, nicht wahr? So sagst du, mein bürgerlicher Freund. Aber alle diejenigen Männer die „die Geschichte machen," die werden ohne Scheu zugeben, daß sie für die vergangene Geschichte, und hätten fie fie bei Schlosser und Gervinus stubirt, kein Gedächtniß haben. Nichts gelernt und nichts vergessen, das ist seit 40 Jahren ein allbekannter Vorwurf, so wird denn: Alles vergessen und immer neu produzirt, ein hohes, wo nicht das höchste Lob sein. (Fortsetzung folgt.) Literarische Nachrichten. Magdeburg, 8. Juli. Gespräche mit Dämonen. Des Königsbuchs zweiter Band von Bettina Arnim. Berlin, 1852. Nach einer ausgezeichneten, echt Jean Paul'schen Einleitung von nur fünf Seiten, in welcher der Widerspruch zwischen Natur und Kultur in den tiefsten Tönen ausgesprochen wird, kommt ein Aufsatz, betitelt: „28. August 1808. Die Klosterbeere. Zum Andenken an die Frankfurter Judengasse," in welchem die Verfasserin zuerst ein Stück Jugendleben höchst ergreifend, bisweilen anmurhig, zeichnet, dann acht Jahre später (1808) öfter durch die Judengaffe in Frankfurt a. M. geht, und daran Unterredungen mit dem (damaligen Beherrscher Frankfurts, dem) Fürsten Primas über die Emanzipation 31*