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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-07-25 · Heft 31 (25.7.1853) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 31 (25.7.1853)
Date
1853-07-25
Page
Seite 380 (sequence 2)
Language
German
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380 nachdem dessen urkräftiger Geist längst entflohen war, an Ruinen und Fesseln zurückgelassen hatte, lastend wie ein unendliches Joch auf dem Nacken der Menschheit, von allem Diesem' sollte das 18. Jahrhundert die Erlösung bringen. Welches ist aber die rechte Erlösung? Niemals durch Gewalt, niemals durch plötzlichen Bruch und Sturz. Das Schwert Alexanders zerhaut den Knoten, aber löst ihn nicht. Die rechte Erlösung geschieht immer nur durch die Idee. Der Geist muß zuerst die Forderung gestellt haben, muß diese Forderung durch die Waffen des Rechts und der Wahrheit vertheidigt, gerechtfertigt, ihr Raum gewonnen, den Sieg verschafft haben im Reiche des Geistes — dann kann durch Dorurtheil, Hartnäckigkeit, Zähigkeit, Eigennutz die Erlösung faktisch Dezennien, ein halbes, ein ganzes Jahrhundert hintcrtrieben, aufgehalten werden: geschehen wird sie, muß sie doch, denn der Gegensatz ist dann so veraltet, so todr, so überlästig geworden. Laß ihn zuletzt Dicienigen cistig wcgräumcn helfen, welche ihn früher mit ihrem Leben konscrviren wollten! — Hingegen ein gewaltsamer Bruch, ein plötzlicher Gewaltstreich des Verhängnisses ist das größte Unglück, das der Entwickelung begegnen kann. Dann ist der Gegensatz in der That noch nicht todt, und die plötzliche Gewaltthätigkcit giebt ihm neues Leben, ruft enorme Kräfte gegen sich auf, die einen Kampf bereiten, welcher der Welt Furcht und Schrecken einjagt, und da sie nicht das sich wicdersctzende Alte, sondern das sich gewaltsam aufdrängende Neue für die Ursache hält, den Zorn Zahlloser gegen die Erlösung erregt, welche diese sonst mit ganzem Herzen gefördert hatten. So entstehen todfcindliche Parteiungen. Durch den gehässigen Geist dieser Parteiungen werden die Prinzipien vergiftet, und die Partei des Neuen wie des Alten verirrt sich zu den schädlichsten Ertremcn. So wird nicht allein die Entwickelung aufgchaltcn, sondern ungeheure Kräfte werden obsorbirt, die Begriffe verwirren sich, die Prinzipien nehmen die schiefestcn Richtungen, und erst spat, sehr spät, wenn überhaupt, tritt die Erlösung ein, und diese so entstellt und mit Narben bedeckt, daß man ihr ansieht, ihr schönstes, ihr eigentliches Leben habe sie schon hinter sich, und anstatt zu läutern und zu erheben, werde sie vcgctircn. Ich sage: wenn überhaupt — denn leicht kann mit solchen Ausbrüchen, mit dieser Zerrüttung der Entwickelung, mit all den Wirren, die daraus folgen, der Wendepunkt des Lebens für dies Volk, für diese Völkerfaiuilic eingetreten sein, und von nun ab Jahrhunderte nur niederwärts lausen. Unter diesem Gesichtspunkte das vorige und gegenwärtige Jahrhundert betrachtet — wo ist ein Hohes, ein Großes und Edles, ein Schönes und Wahres, daS nicht im vorigen Jahrhundert erkannt und anzestrebt wurde? das damals nicht als ein menschengeschlechtliches Ziel hingestellt, als ein Panier erhoben und vorangetragen wurde? das damals nicht, kaum von einer Partei offen bestritten siegreich die Geister zu seinen Füßen sah? Es versteht sich, daß es auch da viele Auswüchse und Parasiten gab, wie bei allem Menschlichen, daß auch da die Grenzlinien oft überschritten wurden — aber neben den großen Resultaten jener Zeit ist dies kaum zu berücksichtigen. Das große Zauberwort des Jahrhunderts war: Humanität.' Dieses Wort klang von den Thronen der Könige*), aus den Stuben der Gelehrten**), aus dem Munde der Geistlichen***). Dieses Wort eroberte sich die Welt. Es ward in der Forschung und im Thun als das Höchste überall erstrebt. Dieses Wort verlangte die Aufhebung der Leibeigenschaft — und diese ging vor sich im westlichen und Mittlern Europa ruhig und ohne Kampf. Mit diesem Zeichen forderte man Gleichheit vor dem Gesetze, Betheiligung Aller an den nothwendigcn Lasten des Staates, bürgerliche Gleichstellung der Juden, Gewissensfreiheit und so fort — und Niemand wogte sich dagegen zu erheben, Jedermann erkannte die Forderungen an, Zahllose schwärmten dafür — gewiß, gewiß, alles Dies und Alles was dessen die Konsequenz ist, würde unfehlbar, wenn auch langsam sich verwirklicht haben, denn der Geist war gewonnen, Parteiung, kämpfende, auf Tod und Leben ringende Parteiung nicht da — es mußte der Sieg erfolgen: denn die Gegensätze fingen schon an, dem Tode von selbst anhcimzufallen — wohl dem zioilisirtcn Europa, wenn cs niemals eine französische Revolution gegeben: dann wäre die Erlösung, dann wäre die Erfüllung der großen Verheißung gekommen! Aber jener große, furchtbare Bruch, jene die Welt erschütternde Eruption, jener plötzliche Gcwaltstreich, der die europäische Gesellschaft zerriß, der dem Einen Alles nahm, um mit einem Male dem Andern Alles zu geben, der dadurch die Einen den Anderen auf Tod und Leben gcgenüberstellte, der die Gesellschaft in unerhörte Leidenschaften versenkte, diese französische Revolution war cs, welche die „Humanität" von ihrem strahlenden Throne schleuderte, welche zur Waffe *) Friedrich II-, Joseph II. **) Wer zählet ihre Namen alle? ***) Fcnelon, Zollikofcr, Jerusalem, Herder.

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