Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 30 (18.7.1853)
- Date
- 1853-07-18
- Page
- Seite 375 (sequence 9)
- Language
- German
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375 (in Traureden ganz auf den Kopf gestellte) Spruch, daß der Mann seinen Vater und seine Mutter verlasse und sich an die Frau hänge. Wohlbemerkt übrigens, daß dieser Spruch im Paradiese entsprang, bevor noch die Arbeit und die Sorge, also bevor das Geldintereffe in die Welt gekommen waren. AIS eS noch in Deutschland Mode war, den moralischen Werth der Juden anzugreifen und zu vertheidigen, d. h. als eS unseren Gegnern noch um einen Schein von innerer Gerechtigkeit zu thun war, da pflegten wir unsereits auf unsere ausgezeichneten Tugenden und Gefühle im Bereiche des Familienlebens und WebenS hinzuweisen. Jetzt ist's auch hierin anders geworden. Wir verzichten gern auf alle Vorzüge der Raee und des Stammes, wir überlassen die Fanfaronaden Disraeli's gern dem Sporte, wir sehen mit Uriel Akosta gern ein, daß unser engeS Familienleben ein nothwendiges Ergebniß deS beengenden bürgerlichen Druckes ist — wenn man uns nur nicht schlechter und nicht besser hält, aber auch nicht schlechter und nicht besser stellt, als andere Leute gleichen Stande- und gleicher Erziehung. Mehr der Kuriosität halber möge dennoch die folgende Zusammenstellung hier einen Platz finden. In ihrer ersten himmelstürmenden Periode, als George Sand noch vor Allem das Institut der Ehe angriff, ließ sie (Jacques, Brief XIV) einen Mann folgende Worte an seine Braut richten: „Die Gesellschaft wird Dir eine Eidesformel auflegen. Du mußt schwören, mir getreu und untergeben zu sein, d. h. Niemand anders als mich zu lieben und mir in Allem zu Willen zu leben. Der eine dieser Eide ist Unsinn (da Liebe nicht durch einen Eid erzwungen werden kann), der andre eine Erniedrigung. Du darfst nicht schwören, mir zu gehorchen; das hieße uns beide entwürdigen.-Zu dem Schwure aber. Dein Beschützer zu sein, den mir daS Gesetz vorschreibt, und den ich gewissenhaft zu halten gedenke, will ich einen andern fügen, den zwar die Menschen nicht als nothwendig für die Heiligkeit der Ehe erachten, ohne den Du aber mich als Deinen Gemahl nicht erwählen und anerkennen darfst. Dieser Schwur lautet: Dich heilig zu achten und zu respektiren... Zu Deinen Füßen will ich ihn leisten an dem Tage u. s. w." Wenn nun Madame George Sand unsere bescheidene jüdische Trauungsformeln gekannt hätte, wie fie in ihrer schwerfälligen babilonischen Sprache nun schon seit mehreren Jahrtausenden in allen Ländern fast ganz unverändert bestehen! Der Name Kidduschin schon heißt Heiligung, die Worte lauten: „Sei mir angeheiligt, und das ganz trockne, weder einen Eid noch eine Anrufung Gottes enthaltende allgemein gültige Trauprotokoll lautet: „N. N. hat zu der Dame N. N. gesprochen: Sei meine Frau nach dem Gesetze MofiS und Israels; so will ich mit Dir leben. Dich respektiren (okir), speisen und ernähren, nach der Weise der jüdischen Männer, daß fie mit ihren Frauen leben, fie respektiren, speisen und ernähren in Redlichkeit. Und die Dame N. N. hat eingewilligt." Wie gesagt, eS soll dies hier nur als ethnographische Merkwürdigkeit stehen: sonst wäre es sehr leicht, zu deduziren, daß nur in einem so innig begründeten Familienverhältniß sich die Asfimilirunz des Eidams mit dem Schwäher als ein ganz allgemeiner Erfahrungssatz Herausstellen konnte. 19. Ein Vater kann eher zehn Kinder ernähren, als zehn Kinder Einen Vater. Dieser Erfahrungssatz klingt zwar sehr hart, ist jedoch nicht minder wahr, als in der Natur begründet. Wo überhaupt daS „Ernähren" noch einen Gegenstand der Sorge bildet, da wird der Mann schon deswillen seine Kinder leichter ernähren können, als späterhin fie ihn, weil er zugleich den Maaßstab ihrer Bedürfnisse feststellt. Kommt eS aber dahin, daß Kinder den Vater zu ernähren haben, so geschieht das gewöhnlich zu einer Zeit, wo fie ihr eigenes Nest entweder naturgemäß bauen wollen oder es schon gebaut haben, waS, namentlich wenn von Töchtern die Rede ist, in ganz divergirende Verhältnisse eingreift. Weislich nennt jedoch unser Sprüchwort nur den Vater; wo aber von der Mutter die Rede ist, da wird eher von übertriebenem Wetteifer der Kinder die Rede sein, und daS ist kein kleiner Trost für die bejahrten vermögenslosen Ehemänner, die, da sie in der Regel älter find als die Frauen, auch gewöhnlich von diesen überlebt werden. 20. Einer mießen Maid darf man keinen Kuß geben. Uebersetzung: Nimm dich in Acht, nimm dich in Acht Und küsse keine häßliche Magd. Natürlich; weil fie es nacherzählt, und das kann man ihr gar nicht einmal verdenken. Denn einmal ist es ein Triumph, zweitens wird es ihr nicht alle Tage geboten, und drittens rekommandirt das. Ob man nun nach der 30*