Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 30 (18.7.1853)
- Date
- 1853-07-18
- Page
- Seite 368 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225822-3225853--13252-3299548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
368 reicher, endlich durch die zahllosen wissenschaftlichen Kräfte reicher, welche ihr zu Gebote standen. Auch auf dem Gebiete des Judenthums sehen wir einen gewissen Kreislauf der Dinge sich wieder und wieder vollenden, und seine immer weitere» Kreise über den Erdball seiner Geschichte ziehen. Aber die sorgfältigere Prüfung stellt unS diesen gerade entgegengesetzt hin, als er gewöhnlich gedacht werden mag. Dieser Kreislauf besteht darin: daß im Zudenthume immer auS einer Bewegung der Lehre, auS einem regern Leben deS Gedankens ein neueS, stärkeres Gebäu eines Zeremoniale hervorging. So sehen wir bei den Patriarchen und Moses bis nach der Kundthuung der Zehnworte die Lehre vorwalten, und auf diese erst daS große mosaische Zeremonialgebaude sich aufrichten. Welche Fülle von Entwickelung an Lehre und Gedanken bei sehr fteier, schwankender Form bis David und Salomon stattgefunden, ersieht man aus den Psalmen, die von David und seinen Zeitgenossen find, und den echten Theilen der salomonischen Schriften; aber von David und Salomon ging ein neues Tempelzeremoniale mit Musik und Psalmen aus, (dies müssen selbst die zugestehen, welche den Detailberichten deS Chronisten hierüber ihr Vertrauen versagen). Bei den Propheten ist die Lehre überall vorherrschend, Schriften, die aus der Prophetenzeit herrühren, wie der Hiob, bezeugen, welche Fülle von Bewegung die Lehre in dieser Zeit hatte, in welcher selbst der Tempel auf Morija oft Götzenaltäre in seinen Mauern sah. Aber so wie daS Prophetenworr verstummt, beginnt das Zeremoniale sich neu zu fundiren, eine neue Schöpfung, die Synagoge und den Gebetkultus, zu instituiren und das ganze jüdische Leben mit dem Zeremoniale völlig zu durchdringcn. Aber daß dies, so lange Juda im heiligen Lande wohnte, lang noch nicht so krystallifirt war, als man sich gewöhnlich vorstellt, baß vielmehr die Lehre in sehr bewegtem Leben wieder das vorwiegende Element ward, ersieht man auS dem Entstehen und Bestehen der großen Sekten, in welche gerade die palästinensischen Juden vor der Zerstörung Jerusalems sich spalteten, auS dem Hervorgehen des Christenthums aus dem Judenthum, aus der Theilnahme an der griechischen Kultur, welche die griechischen Schriften der Juden, insbesondere an der griechischen Philosophie, wie der (allerdings etwas fabelhafte) Aristobul und Philo erweisen. Hieran knüpfte sich abermals eine große Bearbeitung des Zeremoniale in Mischna und Gemara. In Spanien erhob von Neuem die Lehre ihr Haupt, nachdem sie in Asien wieder zur Sprache gekommen. Ausgezeichnete Diskussionen der Lehre in religionSphilosophischen Werken und in Kommentarien zur Schrift ließen in Fülle hervor; ja eine neue Schöpfung, die Kabbala, erhob sich auS früheren Anklängen. Aber MaimonideS selbst giebt dem Zeremoniale einen neuen Anioß, und seine Jad hachs. ist der Ausgangspunkt, von welchem die Durcharbeitung des Zeremoniale Jahrhunderte hindurch daS Judenthum in Besitz hält. Dies ist eS, was uns den Kreislauf im Zudenthume klar vor Augen bringt; nicht, daß daS rege Leben der Lehre auf ein zer- 'allendeS Zeremonienwesen folgt und dieses zersetzt, sondern umgekehrt: auf ein schaffendes Leben der Lehre folgt ein erneuetes, umgestalteteS Zeremoniale — eine bedeutsame Erfahrung, die bisher den Augen der Geschichtsforscher entging. In Oesterreich. Zwei jüngste Kundgebungen, die sich wie Theorie und Praxis zu einander verhalten, haben in unS hinsichtlich unserer Glaubensgenossen im Kaiserreich Oesterreich und ihrer Stellung die schönsten Hoffnungen geweckt. Der Ausspruch des Kaisers: „Ich will kein Judengesetz.'" — (s. die Korresp. aus Baden bei Wien in dieser Nummer) — ein Ausspruch, der der höchste, weiseste, toleranteste ist, den es auf unserm Gebiete geben kann, ein Ausspruch, den unsre österreichische Glaubensgenossen auf eherne Tafeln graben und in ihren Gotteshäusern aufstellen müßten zu ewigem Gedächtniß, ein Ausspruch, der negativ besagt, was positiv das Wort Gottes durch Mose: „Ein Gesetz, Ein Recht soll bei Euch für Alle, für Einheimische und Fremdlinge sein!" ein Ausspruch, der um so bewunderungswürdiger, als gerade im großen Kaiserstaate durch die Verschiedenheit der Kulturstufen auch unter den Juden die Verleitung, verschiedene Gesetzgebung zu erlassen, so nahe lag; dieser Ausspruch, wahrhaft kaiserlich — und neben ihm die Entscheidung der Gewölberftage in Prag (s. Nr. 28 d. Z.), so daß jüdische Kaufleute auch in Prag nunmehr definitiv in allen Theilen der Stadt ihre Geschäftslokale haben können, eine Frage, die faktisch die Lösung der Emanzipationsftage von der bedeutsamsten, der materiellen Seite enthält. In diesem Geiste weiter vorgegangen, und der Kaiserstaat wird auch hierin andere Staaten hinter sich lassen, welche von jeher auf ihre „Intelligenz" eine eitele Eitelkeit hatten, und dabei immer steriler werden, von jenen Kleinstaaten gar