Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 29 (11.7.1853)
- Date
- 1853-07-11
- Page
- Seite 363 (sequence 9)
- Language
- German
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363 Bat sagten und sangen und lehrten, ist nicht zu viel, wenn nämlich sie, wir wir annehmen müssen, den echten Sabbat gekannt haben. Wer was können wir davon retten? so fragt unsere bekümmerte, so ungern von den Erbschätzen sich trennende Seele? WaS diejenigen unserer Brüder anbetrifft, die noch in der vollen Unmittelbarkeit leben, oder fich dies wenigstens einzubilden scheinen, wir gönnen ihnen von Herzen ihren Frieden, selbst wenn sie den unsrigen zu stören suchen sollten, und wir wünschen ihnen bis an das Ende ihres Lebens den ungestörten Glauben, daß sie ihre Kinder auf die gleiche Bahn gebracht haben. Aber wir Weltkinder, gegenüber diesen Heiligen? Wir Hellenisten gegenüber diesen redlichen Pharisäern? WaS können wir für unfern und unserer Kinder Sabbat retten? UnS bleibt der Familiensinn. Es ist ja wirklich noch immer in sehr vielen freidenkenden Familien Gebrauch, fich an diesem Lage beim Altvater zu versammeln. Die Freuden der gemeinschaftlichen Musik, die dahin zu verlegende besondere Uebung der Mildthängkeit. Die Beschäftigung mit ernsterer Lektüre, z. B. auS dem Gebiete der Naturkenntniß und der erhabenern Poesie. Dann aber auch, so weit jeder noch seine Befriedigung darin finden kann, ein Mehr oder Weniger eigentlichen Sabbarszeremoniells und endlich für jeden der tiefer auf den Gegenstand eingehr, die Erkenntniß, welche Wohlthat erster Würde der Menschheit durch die Aufrechthaltung eines bestimmten, objektiv der Ruhe und dem geistigen und dem körperlichen Vergnügen gewidmeten Tages geschieht, und das Bewußtsein, daß die Anerkennung einer ersten göttlichen Grundursache der Schöpfung nicht prägnanter dargestellt werden kann als durch die Feier des TageS, wo der Erdorganismus denjenigen Ruhepunkt erreicht hat, auf welchem wir Menschen nun seit unserer Entstehung ihn kennen. Mit diesen Elementen und mit Allem was fich daran knüpft, läßt eS fich noch immer versuchen, ob wir „einen Schabbes machen" können. 16. Ein Mitzwe - Teufel. Die ganz eigenthümliche, ausschließlich jüdische Bezeichnung gewisser frommer jüdischer Frauen. Man vergleiche sie jedoch ja nicht mit einer christlichen Betschwester (oft gleichbedeutend mit der jüdischen „Zizisspinnerin") oder gar mit einer Lady Tartuffe. Der Mitzweteufel hat zahlreiche gute Eigenschaften, führt sogar ein weniger beschauliches als thätiges, rühriges und nützliches Leben. Seine unangenehme Seite besteht in der Aufdringlichkeit in seinem Stteben nach Wohlthun, Spenden, Retten, Aussöhnen, Ehestiften, Empfehlen, allerdings auch oft im Eifer für die Religionsübungen; doch gehört dies Letztere nicht nothwendig zu dem Charakter', da dieser fich auch bei fteilebenden Jüdinnen findet. Dieser Teufel ist, wie Alhafi fich auSdrückt: -auf's Geben euch so eifersüchtig So neidisch! Jed' „Gotteslohn!" das in Der Welt gesagt wird, zog' er lieber ganz Allein- Der Mitzwe-Teufel mischt fich gern unberufen in fremde Angelegenheiten, um da vielleicht ein Mitzwe'chen zu fischen. Bei Kranken mag er gern allen Rath ertheilen und auf dessen strenge Befolgung rechnen. Er will bei Sechsen zugleich wachen, und nachher mit Wonne matt und erschöpft das Bett hüten. Leichen ankleiden und bei Sterbefällen in fremden Häusern das Regiment führen, ist sein Gaudium, und alle Woche mit dem Kollektirbogen von Haus zu Haus laufen. Der Mitzweteufel stiftet unaufhörlich Gutes, will eS wenigstens stiften, und ist dennoch bei keinem Menschen beliebt. Schuld ist zuerst das Heraustteten aus dem häuslichen Berufe, dann aber auch, neben der quecksilberigen Beweglichkeit und dem Geizen nach Mitzwot die auch von Koketterie nicht freie Anmaßung und der moralische Zwang, den er auf die Leute ausübt. Ist der Mitzweteufel ftomm, so plagt er mit seiner Werkheiligkeit seine Hausgenossen so wie die zeitweilig ihm Untergebenen ungemein, und um so mehr, je größer seine Unwissenheit auf diesem Terrän ist. Er ist vielleicht im Herzen intolerant, wagt es jedoch nicht, dies zu zeigen, weil er die Freidenkenden doch auch für seine Zwecke zu schonen hat. Wo nicht großer Reichthum ihm persönlich zu Gebote steht, ist übrigens seine Rolle bald auszespielt, da dann die lästige Seite mehr hcrvortritt und von den Leuten abgewiesen wird. Dieser Teufel gehört nach allem Obigen nicht zu den Geistern, die verneinen, und in Rücksicht auf daS viele Gute, daS er bewirkt, ist eS leicht, ihm seine Sünden zu vergeben, die am Ende doch nur in dem Stteben nach wirklichen Verdiensten und in einem tief inncrn Hochmuth bestehen, der den Nebenmenschen nichts angeht. 17. Das Blut kriecht. Diesen jüdisch-deutschen Ausdruck finde ich viel prägnanter, als die ftemdsprachlichen von Sympathie, Rap- 29*